Deep Dive: Wie STMicroelectronics trotz Gegenwind Boden gutmacht

Nahaufnahme eines Computer-Prozessors
Foto: Sergei Starostin via Pexels

STMicroelectronics (WKN: 893438) hat im zweiten Quartal 2025 einen Umsatz von 2,77 Mrd. US-Dollar erzielt. Das liegt 56 Mio. US-Dollar über der eigenen Mitte der Prognosespanne und zeigt, dass das Tal der größten Negativüberraschungen zunächst durchschritten ist. Die Bruttomarge kam bei 33,5 % heraus und traf damit exakt die Erwartungen des Managements.

STMicroelectronics-Aktie: Verluste statt Gewinnen!

Operativ entstand ein Verlust von 133 Mio. US-Dollar, im Wesentlichen belastet durch 190 Mio. US-Dollar an Restrukturierungs- und Abschreibungskosten. Unter dem Strich stand ein Nettoverlust von 97 Mio. US-Dollar, nachdem im Vorjahresquartal noch 353 Mio. US-Dollar Gewinn verbucht worden waren.

Jetzt ist wichtig zu verstehen, was diese Kenngrößen bedeuten: Die Bruttomarge misst den Anteil des Umsatzes, der nach Abzug direkt produktionsbezogener Kosten (Material, Fertigung) übrig bleibt. Je höher, desto mehr Preismacht und Effizienz. Die operative Marge bildet dann ab, wie viel davon nach Vertrieb, Verwaltung, Forschung und Entwicklung sowie Restrukturierungskosten verbleibt. Dass STMicro hier temporär im Minus liegt, ist Ausdruck der gleichzeitigen Nachfrageschwäche und der bewusst angestoßenen Umbauphase – nicht zwingend ein strukturelles Defizit.

Zur Bilanz- und Cash-Perspektive

Der operative Cashflow halbierte sich gegenüber dem Vorjahr nahezu auf 354 Mio. US-Dollar, die Investitionen (Capex) lagen bei 465 Mio. US-Dollar. Das Ergebnis: ein negativer Free Cashflow von -152 Mio. US-Dollar im Quartal. Der Free Cashflow (also operativer Cashflow minus Investitionen) ist für uns eine zentrale Kennzahl, weil er zeigt, wie viel frei verfügbare Liquidität nach Erhalt des Geschäftsbetriebs und nach Investitionen tatsächlich übrig bleibt.

Auf der Bestandsseite sehen wir Ende Q2/25 weiter erhöhte Inventartage – 166 Tage bei einem Lagerwert von 3,27 Mrd. US-Dollar. Inventartage geben an, wie lange das Unternehmen durchschnittlich benötigt, um Lagerbestände in Erlöse zu verwandeln; normal wären bei einem breit diversifizierten Halbleiter-IDM (Integrated Device Manufacturer) etwa 100 bis 120 Tage. Erhöhte Bestände drücken Margen und binden Kapital, sind aber in Zyklen nicht untypisch.

Gleichzeitig erscheint die Liquiditätsposition bei der STMicroelectronics-Aktie solide. 5,6 Mrd. US-Dollar an Barmitteln treffen auf rund 3 Mrd. US-Dollar Finanzverbindlichkeiten – damit verfügt ST über eine komfortable Netto-Cash-Position, die in der aktuellen Investitionsphase Sicherheit gibt. Für das dritte Quartal 2025 stellt das Management 3,17 Mrd. US-Dollar Umsatz in Aussicht, das wären sequenziell +14,6 %. Die Bruttomarge soll bei 33,5 % liegen, mit einer Bandbreite von 200 Basispunkten. Rund 340 Basispunkte entfallen auf Kosten ungenutzter Kapazitäten – das ist die Folge niedriger Auslastung in Fabriken, die gerade hochgerüstet und für neue Technologien umgestellt werden.

Die Entwicklung 2024/25 im Überblick

Wenn wir die letzten Quartale in Summe betrachten, ist der Druck unverkennbar. Der Umsatz 2024 sank um 23,2 % auf 13,27 Mrd. US-Dollar, der Gewinn brach um 63 % ein. Im ersten Quartal 2025 schrumpfte die operative Marge auf 0,1 %, der Nettogewinn fiel um 89 % auf 56 Mio. US-Dollar. Im zweiten Quartal 2025 schob ST den Umsatz wieder etwas an, aber die Ergebnisrechnung blieb wegen Sonderaufwendungen und Auslastungseffekten schwach. Die Ursachen sind zyklischer Natur (Abkühlung in Automotive und Industrie), teils aber auch hausgemacht, weil ST bewusst Kapazitäten umbaut und auf Zukunftstechnologien ausrichtet.

Der Halbleitersektor ist notorisch zyklisch: Nach Boomphasen (hier 2021 bis 2023 mit operativen Margen über 25 %) folgen Konsolidierungsphasen mit sinkender Nachfrage, in denen Hersteller Kapazitäten anpassen, Preise nachgeben und Produktmix-Verschiebungen hinnehmen müssen. Wichtig ist: Zyklen enden. Entscheidend ist, in der Talsohle die Weichen so zu stellen, dass beim nächsten Aufschwung überdurchschnittlich verdient wird.

STMicroelectronics-Aktie: Der Segmentblick

Das Herz von ST ist unverändert die Automobil-Elektronik – sie steht für rund 40 % des Umsatzes. Genau hier ist der Rückgang am schmerzhaftesten: Die Automotive-Erlöse sind im Jahresvergleich um 39 % eingebrochen. Der CEO sprach im letzten Call mit Analysten von einer „Verlangsamungsphase“, zugleich zeigt die Quartalsdynamik erste Trendumkehrsignale: Gegenüber Q1/25 legten die Automotive-Erlöse in Q2/25 um etwa 14 % zu, getragen von Asien-Pazifik (ohne China) und Amerika. Für Q3 wird erneut ein sequenzieller Anstieg erwartet.

Wichtig: Die Book-to-Bill-Ratio – also das Verhältnis von Auftragseingängen (Bookings) zu fakturierten Umsätzen (Billings) – liegt im Automotive-Geschäft unter 1,0. Das bedeutet, dass aktuell mehr ausgeliefert als neu bestellt wird; die Pipeline füllt sich also noch nicht nachhaltig. Im Industriesegment hingegen liegt Book-to-Bill über 1,0 – hier sehen wir bereits wieder mehr neue Bestellungen als Auslieferungen. Die Book-to-Bill-Ratio ist ein Frühindikator für künftige Umsätze. Werte über 1,0 deuten auf Wachstum in den kommenden Quartalen hin, Werte darunter auf anhaltende Schwäche.

Auf Produktebene fällt auf: Power- und Discrete-Produkte verbuchten einen Umsatzrückgang um 22,2 %, die operative Marge kippte von +10,6 % auf -12,5 %. MEMS und Sensoren verloren 15,2 %. Besser hielt sich Embedded Processing mit -6,5 % Umsatz und stabilen 13,5 % Marge. Besonders positiv sticht das Mikrocontroller-Ökosystem hervor: General-Purpose-MCUs wuchsen im Jahresvergleich im hohen zweistelligen Prozentbereich, und die STM32-Plattform zählt mittlerweile 1,5 Mio. aktive Entwickler – ein Plus von rund 15 % gegenüber 2024. Das ist strategisch bedeutsam, weil starke Entwickler-Communitys (Treiber für Design-Wins) die Preismacht erhöhen und die Wechselkosten für Kunden steigern können.

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Ein Blick in die Fabriken

Wir sollten in dieser Phase primär die großen Produktionsentscheidungen verstehen, denn sie bestimmen die Kostenstruktur der nächsten Dekade. ST investiert 2025 bis 2027 jährlich netto rund 2,3 Mrd. US-Dollar. Herausragend ist die 5 Mrd. Euro schwere SiC-Fabrik (Siliziumkarbid) auf Sizilien, die ab 2026 die Produktion aufnimmt und bis 2033 eine Kapazität von 15.000 Wafern pro Woche erreichen soll. Siliziumkarbid ist ein „Wide-Band-Gap“-Halbleitermaterial mit höherer Effizienz, Temperatur- und Spannungsfestigkeit als klassisches Silizium. In Elektroantrieben, Wechselrichtern und Schnellladetechnik verbessert SiC die Energieeffizienz signifikant, wodurch Reichweite steigt und Wärmeverluste sinken. Mit steigender SiC-Durchdringung in E-Fahrzeugen und in der Leistungselektronik von Rechenzentren entsteht ein strukturelles Wachstum, das über den Zyklus trägt.

Parallel modernisiert ST die 300-mm-Fertigung in Agrate (Italien): Bis 2027 soll die Kapazität auf 4.000 Wafer pro Woche verdoppelt werden; modulare Erweiterungen könnten später bis 14.000 Wafer pro Woche ermöglichen. 300-mm-Fabs bieten Skalenvorteile (mehr Chips pro Wafer, bessere Kostendegression) und sind ein Hebel für Margen, sobald die Auslastung anzieht. Dass aktuell rund 340 Basispunkte Bruttomargen-Belastung aus Unterauslastung kommen, ist der Preis für den Übergang. Gleichzeitig läuft eine harte, aber notwendige Restrukturierung: Bis zu 2.800 Mitarbeiter werden innerhalb von drei Jahren gehen – zusätzlich zur normalen Fluktuation. Das Programm soll ab 2027 jährliche Kosteneinsparungen im hohen dreistelligen Mio.-US-Dollar-Bereich liefern. Restrukturierungen tun kurzfristig weh (Sonderkosten, Produktivitätseinbußen), schaffen aber mittelfristig eine leichtere Kostenbasis.

STMicroelectronics’ Technologie überzeugt uns

Neben den Fabriken überzeugt uns die technologische Pipeline. Erstens treibt ST die SiC-Technologie weiter, beliefert bereits viele E-Auto-Marken mit SiC-Leistungshalbleitern und intelligenten Leistungsmodulen. Zweitens sehen wir starke Impulse aus Galliumnitrid (GaN), ebenfalls ein Wide-Band-Gap-Material. GaN eignet sich für hochfrequente, effiziente Spannungswandler und hat Einsatzfelder in Schnellladegeräten, Solarinvertern und zunehmend in der Stromversorgung von KI-Rechenzentren. Die strategische Allianz mit Innoscience in China öffnet lokale Märkte und Fertigungskapazitäten – wichtig, um die Nachfrage in Asien zu bedienen und gleichzeitig geopolitische Risiken über Dual-Sourcing zu entschärfen.

Drittens gewinnt die Embedded-Welt an Fahrt: Mit den Stellar-Mikrocontrollern und der im April 2025 präsentierten Stellar-xMemory-Technologie (Phase-Change-Memory, PCM) adressiert ST die „Software-Defined Vehicle“-Architektur. Vereinfacht gesagt erlaubt PCM gegenüber klassischem Flash höhere Speicherdichte und robustere Schreib-/Lesezyklen. Dass ST Lösungen in 18- und 28-nm-Knoten mit branchenweit kleiner Bit-Zelle ankündigt, verspricht eine Verdopplung der Speicherdichte und damit Kostenvorteile.

Der Clou: Die Speicherarchitektur ist skalierbar, sodass Autohersteller per Over-the-Air-Update Funktionen hinzufügen können, ohne das Hardware-Design zu ändern. Produktionsstart ist für Ende 2025 geplant – ein ambitionierter, aber realistisch kommunizierter Zeitplan.

Viertens erweitert ST sein Sensor-Portfolio: Der im Juli 2025 vereinbarte 950 Mio. US-Dollar schwere Deal mit NXP bringt Automotive-Sicherheitssensoren (Airbags, Fahrdynamik, Reifendruck) mit rund 300 Mio. US-Dollar Jahresumsatz ins Haus und soll ab 2026 bereits positiv zum Ergebnis je Aktie beitragen.

Für uns bedeutsam: Sicherheitssensoren sind tief in Fahrzeugplattformen verankert, haben lange Lebenszyklen und stabile Volumina – genau die Art von Portfolio, die in Zyklen Stabilität gibt. Fünftens zeigt der Rechenzentrumsbereich Potenzial: Gemeinsam mit NVIDIA arbeitet ST an einem 800-Volt-DC-DC-Projekt für KI-Rechenzentren. Das Unternehmen kombiniert Silizium, SiC und GaN, ergänzt um galvanisch isolierte Treiber („galvanisch isoliert“ bedeutet, dass die Signalübertragung ohne direkte elektrische Verbindung erfolgt, was Hochspannungssicherheit und Störfestigkeit verbessert). Treiber-Bausteine werden noch final optimiert; ein Auslieferungsstart später 2026 erscheint realistisch. Solche High-Performance-Stromversorgungen sind ein Wachstumsfeld, weil KI-Server enorme Energie aufnehmen und effiziente Wandler Lösungen mit hohen Spannungen verlangen.

Unser Fazit zur STMicroelectronics-Aktie

Trotz der aktuell schwachen Zahlen bleiben wir bei STMicroelectronics optimistisch. Die massiven Umsatz- und Margenrückgänge zeigen klar, dass STMicro mitten im zyklischen Tief steckt. Doch genau hier liegt die Chance: Die Bilanz ist stark, die Investitionen in neue Fertigungskapazitäten und Technologien laufen weiter, und das Unternehmen steuert den Umbau mit strategischem Weitblick.

STMicro ist ein solider Tech-Konzern, der sich operativ neu aufstellt, um für den nächsten Zyklus bereit zu sein. Wer langfristig denkt, findet hier einen Halbleiterwert mit strukturellem Rückenwind durch Automatisierung, Elektromobilität und Industrieelektronik.

Was ist langfristig das größte Risiko?

Die Halbleiterindustrie ist bekannt für ihre zyklischen Schwankungen, die durch wechselnde Nachfragebedingungen und technologische Fortschritte getrieben werden. STMicroelectronics, trotz seiner breiten Marktdiversifikation und technologischen Führungsrolle, ist nicht immun gegen diese zyklischen Risiken. Besonders die aktuellen Herausforderungen, wie beschleunigte Lagerbestandskorrekturen und eine Verlangsamungsphase im Automobilsektor, unterstreichen die Anfälligkeit des Unternehmens für wirtschaftliche Abschwünge. Solche Phasen können zu erheblichen Umsatzschwächen führen und erfordern agile Anpassungen in der Produktionsplanung und Kapitalallokation, um langfristig nachteilige Auswirkungen auf die Geschäftsergebnisse zu vermeiden.

STMicroelectronics steht in scharfem Wettbewerb mit globalen Halbleitergiganten, die ebenfalls kontinuierlich in Forschung und Entwicklung investieren, um an der Spitze der technologischen Innovationen zu bleiben. Dieser intensive Wettbewerb, gepaart mit einem schnellen technologischen Wandel, stellt ein erhebliches Risiko dar. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss STM nicht nur finanziell in neue Technologien investieren, sondern auch ständig seine Produktangebote innovieren und verbessern. Der Druck, mit den technologischen Entwicklungen Schritt zu halten und gleichzeitig kosteneffizient zu arbeiten, kann die Margen belasten und erfordert eine sorgfältige strategische Planung und Execution.

Was ist langfristig die größte Chance?

STMicroelectronics hat sich durch seine fortgeschrittene Siliziumkarbid-Technologie eine Spitzenposition in der Halbleiterindustrie erarbeitet. Mit der zunehmenden Bedeutung von energieeffizienten Lösungen, insbesondere in der Elektromobilität, setzt STMicroelectronics auf die SiC-Technologie, um die Effizienz von Leistungshalbleitern signifikant zu steigern. Diese Technologie ist entscheidend für Anwendungen wie elektrische Antriebe, Photovoltaikanlagen und Energiespeichersysteme. Die Investition in eine vollständig integrierte SiC-Anlage in Catania, Italien, zeigt das langfristige Engagement von STMicro in diesem Bereich und positioniert das Unternehmen an der Spitze eines wachsenden Marktes.

STMicroelectronics bedient eine breite Palette von Industrien, von der Automobilindustrie bis zur Unterhaltungselektronik, was eine stabile Nachfrage und geringere Risiken durch Marktvolatilität sichert. Die Produkte von ST sind in einer Vielzahl von Geräten allgegenwärtig, von Smartphones und Computern bis hin zu Fahrzeugen und Industrieanlagen. Diese Diversifizierung ermöglicht es STMicro, flexibel auf Veränderungen in einzelnen Marktsegmenten zu reagieren und kontinuierliche Umsatzströme zu generieren.

STMicroelectronics hat seit 2017 ein beeindruckendes jährliches Umsatzwachstum von durchschnittlich 10,4 % verzeichnet, mit einer kontinuierlichen Verbesserung der Profitabilitätskennzahlen wie der Bruttogewinn-, EBITDA- und Nettogewinnmarge. Das Unternehmen hat seine operative Effizienz durch strenge Kostenkontrollmaßnahmen und eine effiziente Ressourcenallokation verbessert, was zu einer starken finanziellen Gesundheit und der Fähigkeit führt, in Schlüsseltechnologien zu investieren und stabile Dividenden auszuschütten.

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