Shortsqueeze-Strategie: Welche Chancen stark leerverkaufte Aktien bieten

Ein roter Knopf mit der Aufschrift "Sell" ("Verkaufen")
Bild: Aktienwelt360, KI-generiert via Dall-E

Einmal Dabeisein, wenn ein Depotwert in die Stratosphäre katapultiert wird. Das ist der Traum vieler Anleger. Innerhalb von wenigen Tagen kann aus einem vierstelligen Betrag ein fünfstelliger werden, wenn man die richtigen Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkte trifft. Das magische Wort dafür heißt “Shortsqueeze”. Aber was genau steckt dahinter, was treiben Leerverkäufer und wie stehen unsere Chancen bei dem allem? Diesen Fragen wollen wir im Folgenden nachgehen.

Die Grundlagen

Leerverkaufen (englisch Short Selling) ist primär etwas für Profis. Die meisten Banken erlauben Privatanlegern keine echten Leerverkäufe. Der Grund dafür ist einfach: Man kann sich damit schnell ruinieren, wenn es in die falsche Richtung läuft. Denn bekanntlich kann man mit Aktien maximal 100 % Verlust machen, aber unendlich viel Gewinn. Beim Leerverkaufen ist es genau andersherum.

Im Prinzip geht es darum, eine geliehene Aktie zum Verkauf anzubieten und den Erlös zu kassieren. Wobei das Geld beim Broker verbleibt, zuzüglich zu einer Sicherheitsmarge, die weiter aufgefüllt werden muss, wenn die Aktie stark steigt (“margin call”; andernfalls wird die Position automatisch vom Broker geschlossen). Innerhalb einer Frist wird der ursprüngliche Eigentümer seine Anteile zurückhaben wollen. Der Leerverkäufer versucht daher, einen Zeitpunkt zu erwischen, an dem er die Aktie zu einem günstigeren Kurs erwerben kann. Wenn das gelingt, dann ist der Unterschied sein Gewinn.

Davon abzuziehen sind Transaktions- und Leihkosten. Erstere hängen vom Broker und der Börse ab und letztere vom Geschäftspartner. Eher langweilige Aktien werden zu sehr geringen Sätzen (englisch “short borrow fee”) verliehen, während bei umstrittenen “Story Stocks” auch mal hohe zweistellige Zinssätze aufgerufen werden. Denn Leerverkäufe sind nur möglich, wenn es auf dem Markt Aktionäre gibt, die ihre Aktien verleihen möchten. Dies geschieht oft durch Pensions- oder Rentenfonds, die so zusätzliche Gewinne aus ihren langfristigen Anlagen ziehen können.

Leerverkäufer haben unterschiedliche Motive

Auf Seiten der Leerverkäufer lassen sich im Wesentlichen drei Arten von Akteuren identifizieren:

  • Erfahrene private Investoren, die Leerverkäufe tätigen, um sich vor Verlusten bei anderen Positionen abzusichern oder auf fallende Kurse zu spekulieren.
  • Große Institutionen, die Leerverkäufe als Teil ihrer Handelsstrategie nutzen.
  • Hedgefonds, die Leerverkäufe zur Absicherung oder Gewinnsteigerung nutzen.

Das Bild des Shortsellers prägen hingegen die wenigen aktivistischen Shortselling-Spezialisten wie beispielsweise Hindenburg Research, Muddy Waters Research oder Blue Orca Capital. Diese stellen parallel zu großen Leerverkäufen auch noch umfangreichen Research bereit, der das jeweils betroffene Unternehmen in einem besonders schlechten Licht darstellt.

Sie haben ein windiges Image, weil sie aus Profitgier Aktien durch den Dreck ziehen. Das angegriffene Management hat dann alle Hände voll zu tun, die Vorwürfe zu zerstreuen. Doch in manchen Fällen treffen aktivistische Shortseller voll ins Schwarze und übernehmen somit eine reinigende Funktion im Börsengeschehen. Bekannte Beispiele:

  • Jim Chanos gegen Enron 2001,
  • David Einhorn gegen Lehman Brothers 2007 sowie
  • Zatarra und Fahmi “Assassin” Quadir gegen Wirecard 2017.

Insgesamt geht es jedoch längst nicht immer um heiße Wetten gegen Unternehmen. Oft stecken ganz nüchterne Überlegungen dahinter. Beliebt sind zum Beispiel sogenannte Pair Trades, wo der Investor davon überzeugt ist, dass eine von zwei Aktien besser als die andere laufen wird. Folglich verkauft er die eine und kauft mit dem Erlös die andere und es geht nur noch um die relative Entwicklung der beiden Aktienkurse, unabhängig vom Trend des Gesamtmarkts.

Welche Aktien bevorzugt geshortet werden

In Deutschland müssen Leerverkaufspositionen (englisch “short interest”), die mehr als 0,5 % der ausgegebenen Aktien ausmachen, beim Bundesanzeiger gemeldet werden. Es gibt Börsenportale, welche diese veröffentlichten Informationen regelmäßig auswerten und Ranglisten der am meisten geshorteten Aktien präsentieren.

Auch in den USA kann man solche Rankings leicht finden, um sich einen Überblick zu verschaffen, welche Aktien gerade im Mittelpunkt der Leerverkäufer stehen. Nominal besonders stark leerverkauft werden die wertvollsten Unternehmen der Welt, insbesondere, wenn ihre Kurse durch die Decke gehen, wie zuletzt bei einigen Tech-Konzernen. Da deren Marktkapitalisierung aber z. T. Hunderte Milliarden beträgt, summieren sich die Short-Positionen in der Regel höchstens auf wenige Prozent.

Prozentual am stärksten leerverkauft werden daher eher kleinere Unternehmen, die meistens entweder umstrittene Wachstumsgeschichten darstellen oder unter einer schwächelnde Bilanz leiden. In den allermeisten Fällen geht es nicht um betrügerische Umstände, auf die sich aktivistische Shortseller stürzen. Vielmehr werden über die Auswertung der Zahlenwerke und die Erwartung von Effekten aus dem größeren Marktumfeld (Zinsen, Konjunktur etc.) Schlüsse gezogen.

Vor allem, wenn ein Unternehmen Schwierigkeiten hat, seine Barmittelabflüsse zu bremsen und profitabel zu werden, gerät es in das Visier der Leerverkäufer. Wenn dann auch noch Bilanzschwächen erkennbar sind, weil beispielsweise kurzfristig eine Refinanzierung zu deutlich schlechteren Konditionen ansteht, dann wird es besonders interessant.

Beispiele Imperial Petroleum und Novavax

Aktuell listet MarketWatch Imperial Petroleum (WKN: A3EEV8) als meistgeshortete Aktie, mit 75 % der börsengehandelten Anteile. Die Öltanker-Reederei türmte in den Pandemiejahren hohe Verluste auf und verwässerte Aktionäre in der Folge massiv durch die Ausgabe neuer Anteile. Zuletzt wurde im Dezember eine Wandelanleihe in knapp 7 Millionen neue Anteile eingelöst. Die Aktienzahl hat sich in den letzten 3 Jahren fast verhundertfacht. Das ist für Leerverkäufer attraktiv, weil es den Rückkauf erleichtert.

Vermutlich beziehen sich die 75 % auch nicht auf die aktuelle Aktienzahl. Die Datenbanken ziehen diese Angaben oft erst mit Verzögerung nach. Dennoch wird interessant, wie diese Geschichte ausgeht, da sich das Unternehmen mittlerweile dem Anschein nach stabilisiert hat und wieder Gewinne schreibt.

Ein weiteres Beispiel ist Novavax (WKN: A2PKMZ), bei der die konsolidierte Short-Position mit 47 % angegeben wird. Das Unternehmen erhielt im Corona-Impfstoffrennen zeitweise großes Aufmerksamkeit, konnte aber die Erwartungen letztlich nicht erfüllen. Drastisch nach unten korrigierte Prognosen, sich auftürmende Verluste, kurzfristige Verbindlichkeiten, welche das kurzfristige Vermögen übersteigen, sowie ein negatives Eigenkapital (-678 Mio. US-Dollar zum 30.09.2023) zwingen das Unternehmen zur teuren Einwerbung von Kapital. Autorisiert wurden bereits 600 Millionen Anteile, von denen bisher 119 Millionen ausgegeben wurden.

Am 28. Februar 2023 gab Novavax bekannt, dass es bis zu 500 Mio. US-Dollar erlösen möchte, indem es “von Zeit zu Zeit” neue Aktien zum Discountpreis an einen spezialisierten Finanzierungspartner ausgibt. Diese sogenannten Shelf Registrations sind fast immer ein Alarmzeichen. Je tiefer der Kurs fällt, desto höher die Verwässerung – und die Leerverkäufer reiben sich die Hände. Die Liquidität im Börsenhandel erhöht sich, was das Eindecken erleichtert und einen Shortsqueeze weniger wahrscheinlich macht.

Wie unsere Chancen stehen, wenn wir auf stark leerverkaufte Aktien setzen

Wie die beiden Beispiele zeigen, gehen Leerverkäufer in der Regel ziemlich rational vor und wählen Aktien nach bestimmten Mustern aus. Sie haben die Erfahrung, wo es sich lohnen könnte, gegen eine Aktie zu wetten. Wenn wir uns dort entgegenstellen wollen, dann müssen wir sehr genau wissen, was wir tun.

Solange Leerverkäufer in Summe ihre Short-Positionen noch erhöhen, ist es nahezu unmöglich, dagegen anzukommen. Wer versuchen will, an einem erhofften Turnaround zu partizipieren, der braucht Geduld, um den richtigen Moment abzupassen. Zumal die Profis sich bei kritischen Kursniveaus oft gegenseitig Bären- und Bullenfallen stellen, deren Dynamik unkalkulierbar ist. Ich gehe auch davon aus, dass gelegentlich sogar spektakuläre Shortsqueezes inszeniert werden, um unerfahrene Kleinanleger in das verlustträchtige Spiel hineinzuziehen. Man darf sich da keine Illusionen machen. Auf Shortsqueezes von weitgehend substanzlosen “Meme Stocks” zu setzen, ist reine Zockerei mit geringen Erfolgsaussichten.

Es gibt auch Listen mit Aktien, die nach bestimmten Metriken angeblich besonders anfällig für einen Shortsqueeze sind, zum Beispiel auf Basis des ORTEX Short Score. Unter den Top 10 vom Juni 2023 war allerdings kein Volltreffer dabei. Zwar gab es zum Teil ein kurzes Aufflackern, wo mit viel Glück ein schneller Gewinn von 50 bis 100 % möglich war – zuletzt etwa bei Beyond Meat –, aber insgesamt tendierten Aktien wie Lucid und Fisker weiterhin abwärts.

Von daher würde ich nur nach eingehender Analyse auf ein Unternehmen setzen, dessen Aktie von Shortsellern unter Druck gesetzt wird. Da viele Marktteilnehmer primär auf quantitativer Basis agieren, hat man eine Chance, wenn es gelingt über die qualitative Analyse zu entscheidenden Erkenntnissen zu kommen.

Aktuell spannend: die Immobilienbranche und Temenos

Gute Beispiele finden sich in der Immobilienbranche, wo seit Monaten die Auswirkungen von Leerstand und Preisverfall auf Investoren und Kreditgeber heiß diskutiert wird. Als sich etwa bei Aroundtown die Shortseller im zweiten Halbjahr 2023 zurückzogen, verdoppelte sich der Kurs. Und das einfach nur, weil der Druck nachließ und der Kurs wieder ein faires Niveau suchte, ganz ohne Shortsqueeze.

Etwas anders gelagert sind die Fälle, in denen aktivistische Shortseller die Hauptrolle spielen. In der Regel antwortet das Management innerhalb weniger Tage auf die Anschuldigungen, während die Verunsicherung für einen reduzierten Aktienkurs sorgt. Dann steht Aussage gegen Aussage und wir können unsere Menschenkenntnis einsetzen, um zu entscheiden, welcher Seite wir vertrauen wollen. Ein aktueller Fall ist der Schweizer Softwareentwickler Temenos (WKN: 676682), dessen Kurs direkt um fast ein Drittel eingebrochen ist.

Abschließende Gedanken

Die wichtigste Regel lautet, kühlen Kopf zu bewahren, wenn man auf stark leerverkaufte Aktien setzen will. Wer mit Geduld auf einen Zeitpunkt wartet, an dem es die Shortseller übertreiben, kann eine schöne Zusatzrendite verdienen. Aber als Strategie ist das nur aussichtsreich, wenn man sich die Mühe macht, vor jedem Kauf den langfristigen Wert der Substanz zu ergründen.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien.



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