Siemens vor der Neubewertung: Warum die Aktie trotz DAX-Rekord noch „lächerlich billig“ ist

Es gibt Aktien, die der Markt trotz starker Zahlen nicht ausreichend honoriert. Siemens (WKN: 723610) ist so ein Fall. Im Februar meldete der Konzern einen Quartals-Auftragseingang von 21,4 Mrd. Euro und einen Auftragsbestand auf Rekordniveau.
Kurz darauf hob das Management die Prognose an. Die Börse belohnte diese guten Neuigkeiten mit einem schönen Kursanstieg. Trotz der positiven Performance notiert die Siemens-Aktie aktuell knapp unter ihrem Allzeithoch (Stand: 05.05.2026, maßgeblich für alle Angaben).
Ich bin der Meinung, dass das kein Grund ist, Siemens zu meiden. Im Gegenteil, für langfristig orientierte Investoren sehe ich hier eine attraktive Chance.
Was Siemens eigentlich ist und warum das viele unterschätzen
Wer Siemens als trägen Industriekonzern abstempelt, hat die Transformation der letzten Jahre verpasst. Der Konzern hat sich radikal zum fokussierten Technologieunternehmen gewandelt. Die Medizintechnik ist als Siemens Healthineers bereits eigenständig börsennotiert, wobei Siemens die vollständige Abspaltung für Februar 2027 plant. Die Energietechnik wurde als Siemens Energy ausgegliedert; hier hält Siemens nur noch eine Minderheitsbeteiligung von rund 5,5 %.
Das industrielle Kerngeschäft ruht heute auf drei Säulen. Die inzwischen größte Sparte, Smart Infrastructure, automatisiert und digitalisiert Gebäude sowie Stromnetze. Vor allem der Boom bei Rechenzentren und die globale Elektrifizierung treiben hier das Wachstum. Das ist auch mitunter ein Grund für die rekordträchtige Auftragslage.
Die zweite Säule ist Digital Industries, der Spezialist für Fabrikautomatisierung und industrielle Software. Nach einer Schwächephase durch den Lagerabbau der Kunden zieht das Geschäft seit Anfang 2026 wieder zweistellig an. Siemens setzt hier massiv auf industrielle KI und die Partnerschaft mit Nvidia.
Die dritte Säule, Mobility, verantwortet die Schieneninfrastruktur und Züge. Mit einem Auftragsbestand auf Rekordniveau von 120 Mrd. Euro im Gesamtkonzern ist dieser Bereich langfristig abgesichert.
Diese Geschäfte sind kaum anfällig für kurzfristige Schwankungen. Es handelt sich um tiefe Servicebeziehungen mit Staaten, Kommunen und Energieversorgern. Einmal installiert, bleiben die Systeme oft über Jahrzehnte im Einsatz.
Siemens liefert aktuell großartige Zahlen ab
Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 legte der Umsatz um 8 % auf 19,1 Mrd. Euro zu. Das Ergebnis der industriellen Geschäfte stieg um 15 % auf 2,9 Mrd. Euro, was die Ergebnismarge auf 15,6 % hob. Mit einem Book-to-Bill-Verhältnis von 1,12 generierte der Konzern deutlich mehr neue Aufträge als er zeitgleich abarbeitete.
Das Auftragsvolumen in Höhe von 120 Mrd. Euro entspricht fast dem Anderthalbfachen des erwarteten Jahresumsatzes. Dabei handelt es sich nicht um vage Absichtserklärungen, sondern um fest terminierte Verträge. Das schafft eine Planungssicherheit, die viele andere Wachstumsunternehmen vermissen lassen.
Im zuletzt abgeschlossenen Geschäftsjahr 2025 steigerte Siemens den Umsatz auf 78,9 Mrd. Euro. Der Gewinn nach Steuern kletterte dabei von 9,0 auf 10,4 Mrd. Euro – ein Plus von rund 16 %. Dieser Sprung ist kein Einmaleffekt, sondern belegt die wachsende operative Dynamik des Konzerns.
Für das laufende Geschäftsjahr 2026 rechnen Marktbeobachter im Schnitt mit einem Umsatz von 83,7 Mrd. Euro und einem EBITDA von 15,1 Mrd. Euro. Das entspräche einem Zuwachs von etwa 12 %. Das Ergebnis je Aktie wird bei durchschnittlich 10,85 Euro erwartet, wobei Siemens selbst die Prognosespanne jüngst auf 10,70 bis 11,10 Euro angehoben hat.
Warum die Bewertung noch Luft nach oben lässt
Beim aktuellen Kursniveau um 255 Euro ergibt sich ein Forward-KGV von etwa 23. Das wirkt fair bewertet, lässt aber zwei Faktoren außer Acht.
Erstens: Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei 2,8, womit Siemens im deutschen Vergleich zu den günstigeren 70 % gehört. Ein Technologiekonzern mit Margen weit über 15 % im Kerngeschäft, der lediglich mit dem fast Dreifachen des Umsatzes bewertet wird, ist im aktuellen Marktumfeld selten. Zum Vergleich: US-Wettbewerber wie Honeywell oder Emerson werden trotz ähnlicher Strukturen mit dem Vier- bis Fünffachen des Umsatzes gehandelt.
Hinzu kommt die Dividende. Für das Geschäftsjahr 2025 schüttete Siemens 5,35 Euro je Aktie aus. Das durchschnittliche Dividendenwachstum der letzten fünf Jahre liegt bei beachtlichen 8,2 % jährlich. Wer langfristig denkt, erzielt auf den Einstiegskurs eine deutlich höhere Rendite, als die aktuelle Dividendenrendite von gut 2 % vermuten lässt.
Natürlich gibt es Gegenargumente. Das Segment Digital Industries spürt noch die Nachwehen der globalen Investitionszurückhaltung, da die Fabrikauslastung vielerorts noch nicht am Limit läuft. Ein Abschwung in der Automatisierung trifft Siemens unmittelbar. Zudem bleibt die Aktie ein Substanzwert für Geduldige – eine kurzfristige „Turbo-Story“ ist sie (vermutlich) nicht.
Siemens: Ein Konzern, der reifer wird, aber günstiger bewertet ist als er sein sollte
Siemens ist kein klassischer, aufregender Wachstumswert. Das ist auch nicht der Anspruch, den man bei diesem Unternehmen haben sollte. Aber es ist ein Konzern mit 120 Mrd. Euro gesichertem Auftragsbestand, steigenden Margen, zuverlässig wachsender Dividende und einer Bewertung, die historisch und im internationalen Vergleich günstig aussieht.
In einem Umfeld, in dem gute Qualität teuer ist, ist das etwas wert. Und irgendwie habe ich im Gefühl, dass die Zahlen zum Q2 2026, die am 13.05.2026 veröffentlicht werden, den Markt positiv überraschen könnten.
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Caio Reimertshofer besitzt Aktien von Siemens Energy und Siemens Healthineers.