Wir wissen wenig – aber das, was wir wissen, zählt jetzt umso mehr

Lieber Aktiensegler,
wir wissen wenig. Es ist nicht das erste Mal, dass ich in einem Artikel oder einer Bilanz-Ziehen-Ausgabe auf diesen Umstand aufmerksam mache. Bereits im Jahre 2019 habe ich darüber sinniert, welche Einblicke wir wirklich in Unternehmen bekommen. Der damalige Blick aus meinem Bürofenster im achten Stock hat mich die Perspektive verändern lassen.
Die daraus gewonnene Erkenntnis galt damals Unternehmen. Sie gilt aber auch heute für den Aktienmarkt. Geht die Euphorie weiter, trotz der allgemein eher hohen Bewertungen? Eine Indikation mag die Börsenpsychologie liefern. Allerdings wissen wir nicht, wie es geopolitisch weitergeht. Die Themen Iran, Ukraine und der unberechenbare US-Präsident Trump bilden einen Cocktail, bei dem wir kaum den Boden des Glases erkennen können.
Eigentlich wissen wir daher kaum etwas. In einer Zeit hoher Bewertungen wird daher das umso wichtiger, was uns bekannt ist. Fassen wir es einmal ein wenig zusammen.
Was wir wissen
Klar ist, dass der Aktienmarkt, gemessen an allgemein anerkannten Zahlen, teuer erscheint. Das Shiller-KGV liegt bei über 40. Der Warren-Buffett-Indikator beträgt ca. 220 %. Kennzahlen, die wir selten gesehen haben. So wissen wir nämlich auch, dass wir ähnliche Börsenbewertungen lediglich in der Dotcom-Blase erlebt haben.
Wir wissen auch, wie die Dotcom-Ära ausgegangen ist. Mit einer Korrektur. Oder, konkreter: einem Crash. Die Statistiken zeigen uns, dass der Aktienmarkt immer Phasen von Angst und Gier kennt. Sowie auch, dass historisch teure Bewertungen oft in einer solchen münden. Die Statistik legt ebenfalls nahe, dass der Satz „Dieses Mal ist alles anders“ gefährlich ist. Einen letzten Indikator dafür liefert die Corona-Zeit, als die Digitalisierungsaktien durchgestartet sind.
Gleichzeitig wissen wir natürlich auch, dass Geld langfristig in Aktien gehört, die die beste Rendite generieren. Wohlwissend aber gleichsam, dass besonders die Phasen einer Korrektur der spannendste Zeitraum darstellt, um eine gute Rendite einzufahren. Die Bewertungen sind dann preiswert, die langfristigen Perspektiven attraktiv wie nie. Bei teuren Bewertungen neigt der Markt hingegen dazu, eine negative Rendite anzupeilen. Wobei wir eben nicht wissen, wie es auf ein, zwei, drei Jahre weitergeht. Unsicherheit ist daher vorhanden.
Was folgt hieraus?
Die wohl spannendste Frage ist nun, wie wir mit diesen Informationen umgehen. Hier beginnt erneut der Teil, wo wir das Wissen verlassen und interpretieren müssen. Aus den wenigen Fakten, die wir kennen, müssen wir eine erneute These aufstellen.
Meine sähe in etwa wie folgt aus: Wir wissen nicht genau, ob es in ein, zwei Jahren womöglich noch höhere Kurse gibt. Die Interpretation der Bewertungen legt aber nahe, dass wir in einer extrem teuren Phase sind. Das lässt die Wahrscheinlichkeit einer Korrektur im Vergleich zu einem echten Renditepotenzial meiner Ansicht nach höher werden. Gleichwohl würde eine Korrektur bedeuten, dass wir Aktien oder den Markt wieder einmal günstig bekämen.
Das ist nur meine Interpretation aus den wenigen harten Fakten. Sie führt aber dazu, dass ich jetzt beispielsweise auch etwas Cash auf der Hand halte, um bei günstigen Bewertungen zuzuschlagen. Für All-In-Aktien ist meiner Meinung nach jetzt nicht der ideale Zeitpunkt.
Auf unser begrenztes, aber wertvolles Wissen in einer extremen Marktphase
Dein
Vincent Uhr
Chefredakteur Aktienwelt360
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