Ist die Amazon-Aktie am Allzeithoch noch ein Kauf?

Verschiedene Käufe von Amazon mit einem Paket mit Amazonlogo. Schuhe, Bücher und ein Kindle.
Foto: Julia Roegner

Amazon (WKN: 906866) hat sich mit dem Prinzip „heute sparen und investieren, um morgen zu gewinnen“ in eine sehr gute Ausgangslage manövriert. Von dieser langfristigen Denkweise können sich einige Unternehmen eine Scheibe abschneiden. Diejenigen, die es besonders gut machen, werden auch an der Börse zu Stars. Wie es mit dem Börsenstar Amazon-Aktie weitergeht, wollen wir nun besprechen.

Amazon hat im ersten Quartal 2026 eine beeindruckende Dynamik gezeigt. Der Nettoumsatz stieg um 17 % auf 181,5 Mrd. US-Dollar. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung der Profitabilität: Das betriebliche Ergebnis (Operating Income) erreichte mit 23,9 Mrd. US-Dollar einen neuen Höchststand, was einer operativen Marge von 13,1 % entspricht. Der operative Gewinn ist im Vergleich zum Vorjahr um 29,9 % gestiegen.

Der Cloud-Riese AWS zieht das Wachstum an

Mit einem Umsatzplus von 28 % auf 37,6 Mrd. US-Dollar ist der Cloud-Riese AWS der klare Wachstumsmotor. Dies ist die stärkste Wachstumsrate seit fast vier Jahren. Treiber war die explosive Nachfrage nach generativer KI bei AWS. Auch der operative Gewinn stieg um 23,5 % auf 14,2 Mrd. US-Dollar. Damit steuert das Segment knapp 60 % des operativen Gewinns von Amazon bei. Das Chip-Geschäft (Graviton, Trainium und Nitro) hat eine jährliche Umsatzrate von über 20 Mrd. US-Dollar erreicht und wächst im dreistelligen Prozentbereich. Amazon ist mittlerweile einer der drei weltweit größten Chip-Hersteller für Rechenzentren.

Ein noch höheres Gewinnwachstum kam dieses Quartal aus dem Handelsgeschäft in Nordamerika und international. Der operative Gewinn in Nordamerika stieg von 5,8 Mrd. US-Dollar auf 8,3 Mrd. US-Dollar. Die operative Marge von 7,9 % ist damit sehr gut. Auch die Zahlen des internationalen Geschäfts bestätigen den Turnaround mit einem operativen Gewinn von 1,4 Mrd. US-Dollar nach 1 Mrd. US-Dollar im Vorjahr. Die hohe Kostendisziplin und das extrem effiziente Logistiknetzwerk von Amazon ermöglichen es, hier sehr gute Gewinne zu erzielen. Das klassische Schwungrad des Handels wurde durch KI erweitert. Höhere Logistikeffizienz durch KI senkt die Kosten und ermöglicht eine schnellere Lieferung (über eine Milliarde Artikel am selben Tag). Dies führt zu mehr Prime-Kunden und mehr Werbeeinnahmen: Advertising wuchs um 22 % auf 17,2 Mrd. US-Dollar Umsatz. Dieses Kapital fließt zurück in die AWS-KI-Infrastruktur und ermöglicht so neue Dienste. Der Nettogewinn stieg um 77 % auf 30,3 Mrd. US-Dollar, begünstigt durch Bewertungseffekte bei Anthropic in Höhe von 16,8 Mrd. US-Dollar.

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Kurzfristig wird der Cashflow für den langfristigen Erfolg geopfert

Das primäre Finanzziel von Amazon bleibt jedoch die Maximierung des freien Cashflows pro Amazon-Aktie. Wenn man den Rückgang von 95 % im Jahresvergleich auf 1,232 Mrd. US-Dollar sieht, kann man es kaum glauben. Wichtig zu wissen ist jedoch, dass sich Amazon in einem massiven Investitionszyklus befindet. CEO Andy Jassy bezeichnet dies als „Once-in-a-lifetime“-Chance. Während die Investitionen in Chips und Rechenzentren den Cashflow aktuell belasten, bilden sie das Fundament für hochmargige Umsätze in zwei Jahren. Dieses Ziel klingt nicht unrealistisch, denn durch eigene KI-Chips (Trainium) kann Amazon KI-Inferenz deutlich günstiger anbieten als Wettbewerber, die auf externe GPUs angewiesen sind. Hinzu kommt, dass die Verknüpfung von AWS-Daten mit dem Handelsgeschäft einzigartige KI-Agenten (wie Rufus) ermöglicht, die den gesamten Kaufprozess autonom steuern können.

Natürlich sind auch Risiken vorhanden. Ein kurzfristiges Risiko stellt die Versorgungskette dar. Die Preise für Speicherchips und Hardwarekomponenten sind laut Management sprunghaft gestiegen, was die Infrastrukturkosten erhöht. Ein stetiges und langfristiges Risiko ist die Regulierung: Der kartellrechtliche Druck in den USA und Europa bleibt ein stetiger Unsicherheitsfaktor für die Segmentaufteilung.

Die Bewertung der Amazon-Aktie erscheint fair

Amazon wandelt sich von einem E-Commerce-Unternehmen zu einem Infrastruktur- und KI-Giganten. So steht beispielsweise der kommerzielle Start des Satelliten-Internets mit dem Projekt Kuiper (Amazon Leo) im dritten Quartal 2026 bevor. Verträge mit Apple (für iPhones) und Delta Airlines zeigen das Potenzial als neuer Milliarden-Umsatzbringer. Der Fokus des Managements verschiebt sich von einfachen Chatbots zu „Agents“, die eigenständig Aufgaben wie Software-Migrationen oder komplexe Einkäufe erledigen.

Amazon opfert kurzfristig FCF-Potenzial, um eine dominante Position in der KI-Ära zu erreichen. Durch die Kombination aus eigenem Chip-Design, dem weltweit größten Cloud-Netzwerk und einem Satellitensystem ist das Unternehmen strategisch breiter aufgestellt als je zuvor. Hinzu kommt, dass das Geschäft von Amazon immer profitabler wird. Eine Bewertung über die Metrik Unternehmenswert zu Umsatz ist deshalb nicht mehr so einfach möglich. Besser geeignet ist das KGV, da auch der Free-Cashflow-Faktor durch die hohen Investitionen verschoben ist. Das KGV liegt normalisiert bei 34,6 und damit unter dem Schnitt der letzten fünf Jahre von knapp 50.

Dennoch verlangt ein KGV von 34,6 gemäß der Graham-Wachstumsformel ein jährliches Wachstum von knapp 13 % p. a. Die Anzeichen stehen gut, dass dieses Ziel mittelfristig leicht übertroffen werden kann. Aus diesem Grund ist Amazon aus unserer Sicht aktuell fair bewertet.

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