KGV 21 statt 29: Warum ist der Kupfer-König so verdächtig billig?

Ein einzelnes KI-Rechenzentrum mit 300 Megawatt Leistung verschlingt zwischen 6.000 und 9.000 Tonnen Kupfer. Das entspricht der gesamten Jahresproduktion einer kleinen Mine. Und gerade baut die Welt Hunderte davon. Die Bank of America hat in einem aktuellen Report ihre Preisprognose auf 7,26 US-Dollar pro Pfund bis zur zweiten Jahreshälfte 2027 gesetzt, knapp 25 % über dem heutigen Niveau. Was das für dein Depot bedeuten kann, erkläre ich dir am besten anhand des Unternehmens, das diesen Boom am direktesten abbildet: Freeport-McMoRan.
Der Hebel, den du verstehen solltest
Wer Freeport-McMoRan (WKN: 896476) als gewöhnliche Bergbauaktie betrachtet, unterschätzt das Unternehmen fundamental. Der Konzern liefert rund 70 % des raffinierten Kupfers der USA. Das Besondere an seinem Geschäftsmodell ist die operative Hebelwirkung: Die Produktionskosten sind weitgehend fix, der Umsatz steigt aber proportional mit dem Kupferpreis.
Am eindrucksvollsten belegt dies das Beispiel Antofagasta. Der chilenische Wettbewerber steigerte sein EBITDA 2025 um 52 % auf 5,2 Mrd. Dollar, allein weil der Kupferpreis im selben Jahr um 40 % zulegte. Das ist die Blaupause für Freeport-McMoRan, sobald die Produktion wieder nach oben läuft.
Drei Treiber
Ich halte die strukturellen Kupfer-Nachfragetreiber für einen der klarsten investierbaren Trends der kommenden Dekade. Der erste und mächtigste ist die KI-Revolution. Der globale Strombedarf von Rechenzentren wächst von 100 Gigawatt im Jahr 2022 auf 550 Gigawatt bis 2040 – ein Plus von 450 %. Entscheidend ist dabei weniger das Rechenzentrum selbst, sondern das Stromnetz, das es versorgt: Die Infrastruktur benötigt drei- bis viermal mehr Kupfer als die Datenzentren selbst.
Der zweite Treiber ist die Energiewende. Elektromobilität, Windparks und Solaranlagen sind ohne Kupfer schlicht undenkbar. Der dritte Treiber wird aus meiner Sicht am häufigsten übersehen: die US-Zollpolitik. Die Trump-Administration hat Kupfer zum „kritischen Mineral“ erklärt und im August 2025 Zölle von 50 % auf importierte Kupfer-Halbzeuge verhängt. Das erzeugt eine historische Arbitrage. Der Preisaufschlag an der US-Börse COMEX gegenüber der Londoner LME erreichte bis zu 2.600 Dollar pro Tonne. Als einziger großer US-Produzent sitzt Freeport dabei in der ersten Reihe.
Das Angebot kann nicht mithalten
Auf der anderen Seite der Gleichung klafft ein strukturelles Loch. Die Internationale Energieagentur erwartet bis 2030 eine Angebotslücke von 5,9 Mio. Tonnen Kupfer und bis 2040 von 11 Mio. Tonnen. Das gesamte Weltmarktvolumen liegt heute bei 23 bis 24 Mio. Tonnen pro Jahr. Die Lücke entspricht also fast einem Viertel des aktuellen Angebots.
Auch wichtig: Von der Entdeckung einer neuen Mine bis zur ersten Tonne Produktion vergehen im Schnitt 16 bis 20 Jahre. Gleichzeitig sinken die Erzgehalte in bestehenden Minen kontinuierlich. Man muss also immer tiefer graben für immer weniger Ertrag.
Diese Aktie sieht günstig aus
Wer Freeport-McMoRan mit Wettbewerbern vergleicht, reibt sich die Augen. Das Unternehmen wird mit dem rund 21-fachen der 2026er Gewinnschätzung bewertet. Southern Copper kommt auf ein KGV von 29, Antofagasta und Ivanhoe Mines auf EV/EBITDA-Multiples von 8,5 bis 10. Freeport liegt bei 7,5. Das ist ein signifikanter Abschlag zu den Peers.
Der Grund für diesen Discount heißt „Grasberg“. Im September 2025 kam es in der gleichnamigen Mine in Indonesien zu einem tödlichen Schlammfluss. Der erzwungene Produktionsstopp kostete Freeport-McMoRan schätzungsweise 591.000 Tonnen Kupfer, also mehr als die drittgrößte Mine der Welt in einem Jahr produziert. Der volle Restart ist erst für Ende 2027 geplant. Ich denke aber, dass das Management hier eher zu konservativ denkt.
Das interessanteste Upside-Argument ist jedoch eine Technologie, die kaum jemand auf dem Schirm hat. Freeport hat eine proprietäre Laugungstechnologie (Leaching) entwickelt, die Kupfer aus Abraumhalden extrahieren kann, also aus Gestein, das bislang als Abfall galt. Die Kosten liegen dabei unter 1 Dollar pro Pfund, während der Marktpreis heute bei etwa 5,70 Dollar liegt. CEO Kathleen Quirk sagte dazu im letzten Call mit Analysten: „Wir haben 39 Milliarden Pfund Kupfer, das bisher als Abfall galt, und wir versuchen, so viel davon wie möglich zu verwerten.“ Aktuell produziert man dadurch 300 Mio. Pfund pro Jahr. Das Langfristziel liegt bei 800 Mio. Pfund. Und das, ohne eine einzige neue Mine bauen zu müssen.
Was du wissen musst
Freeport ist keine Aktie für Anleger, die Kontinuität suchen. Der Gewinn je Aktie schwankte in den vergangenen sechs Jahren teilweise erheblich – die mathematische Konsequenz eines Unternehmens mit fixen Kosten und variablen Rohstoffpreisen. Wer das nicht aushält, sollte die Finger von dieser Aktie lassen.
Dazu kommt die Minority-Interest-Problematik. 2025 erzielte Freeport einen Konzerngewinn von 4,15 Mrd. Dollar — doch 1,95 Mrd. Dollar davon flossen direkt an die indonesische Staatsholding MIND ID, die seit 2018 mit 51,23 % an der Betreibergesellschaft PT Freeport Indonesia beteiligt ist. Grasberg ist so dominant profitabel, dass es den Löwenanteil des Konzerngewinns erzeugt. Und genau davon gehört Indonesien die Mehrheit.
Was den Abfluss noch größer erscheinen lässt: Indonesien kassiert nicht nur als Miteigentümer, sondern zusätzlich als Steuerstaat, über Lizenzen auf den Kupfer- und Goldumsatz, eine Profits Tax sowie weitere Lokalabgaben aus dem Bergbaulizenzvertrag. Diese Abzüge mindern den Freeport-Gewinn in Indonesien bereits, bevor die Minority-Interest-Rechnung überhaupt greift. Mit der geplanten kostenlosen Übertragung weiterer 12% an Indonesien im Jahr 2041 wird dieser Abfluss nicht kleiner. Dennoch behält Freeport-McMoRan einen aussichtsreichen Platz auf meiner Watchlist.
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Henning Lindhoff besitzt keine der erwähnten Aktien.
