OpenAI, Anthropic & Co.: So profitierst du 2026 von den großen IPOs – ohne die Aktie zu kaufen

In diesem Sommer passiert etwas, das es in der Geschichte der Kapitalmärkte noch nie gegeben hat. Nach dem historischen Börsengang von SpaceX bereiten sich gleich zwei weitere der weltweit wertvollsten privaten Technologiekonzerne auf ihr Debüt vor. Beide mit Bewertungen nah an der Billionen-Grenze und Geschäftsmodellen, die vor vier Jahren noch niemand auf dem Schirm hatte.
Für Anleger klingen solche Börsengänge immer spannend. Zumal sie eine gewisse Verlockung nach einer hohen Rendite mit sich bringen. Wer allerdings direkt am ersten Handelstag einsteigen will, braucht ein perfektes Timing und starke Nerven.
Was oft übersehen wird: Es gibt auch Möglichkeiten, bei der Party dabei zu sein, lange bevor der IPO-Gong ertönt.
OpenAI und Anthropic: Zwei Börsengänge, zwei Zeitpläne
OpenAI hat am 8. Juni 2026 vertraulich den S-1-Entwurf bei der SEC eingereicht. Das stellt den offiziellen Startschuss für den Börsengang dar. Analysten erwarten eine Bewertung von über einer Billion US-Dollar. Zum Vergleich: Die letzte Finanzierungsrunde im März 2026 taxierte das Unternehmen auf rund 852 Mrd. US-Dollar. Als mögliche Termine werden der September oder das vierte Quartal 2026 gehandelt. OpenAI plant dabei, mindestens 60 Mrd. US-Dollar Kapital aufzunehmen.
Hinter diesem massiven Marktwert steht eine Mischung aus rasantem Nutzerwachstum und harter Kostenrealität. Einem geschätzten Jahresumsatz von rund 20 Mrd. US-Dollar zum Ende des Jahres 2025 stehen Ausgaben von etwa 14 Mrd. US-Dollar gegenüber. Gewinne plant das Management frühestens für 2030 ein. Wer am ersten Tag des IPOs zugreift, setzt auf eine reine Wachstumswette bei einem Unternehmen, das noch Jahre von schwarzen Zahlen entfernt ist.
Anthropic reichte bereits am 1. Juni 2026 vertrauliche Unterlagen für den Börsengang ein. Das geplante Zeitfenster für das IPO liegt zwischen Oktober und Mitte November 2026, wobei ein Emissionsvolumen von 25 bis 35 Mrd. US-Dollar angestrebt wird. Die Bewertung nach der jüngsten Finanzierungsrunde lag bei knapp 965 Mrd. US-Dollar. Im Mai 2026 überstieg der annualisierte Umsatz die Marke von 44 Mrd. US-Dollar. 80 % davon entfallen auf das Geschäft mit Unternehmenskunden.
Der entscheidende Unterschied zu OpenAI: Für das zweite Quartal 2026 rechnet Anthropic mit einem Umsatzsprung auf 10,9 Mrd. US-Dollar, was einem Plus von 130 % gegenüber dem Vorquartal entspricht. Erstmals zeichnet sich ein operativer Gewinn von rund 559 Mio. US-Dollar ab. Anthropic strebt die Profitabilität bis 2028 an und wäre damit zwei Jahre früher am Ziel als der Rivale.
Zusammen mit dem Börsendebüt von SpaceX könnten diese IPOs laut Goldman Sachs und Morgan Stanley über 200 Mrd. US-Dollar frisches Kapital mobilisieren. Wir erleben hier kein gewöhnliches IPO-Jahr. Es ist der Auftakt zu einem IPO-Jahrzehnt.
Der erste indirekte Weg, um zu profitieren: Amazon
Wer nicht auf die eigentlichen Börsengänge warten möchte, kann seinen Blick nach Seattle richten. Amazon (WKN: 906866) hatte bis Anfang 2026 rund 8 Mrd. US-Dollar in Anthropic investiert und stockte diesen Betrag im April um weitere 5 Mrd. US-Dollar auf. Mit einer Option auf insgesamt bis zu 33 Mrd. US-Dollar.
Was dieser Einsatz wert ist, zeigen die jüngsten Quartalszahlen: Im ersten Quartal 2026 wies Amazon einen Vorsteuergewinn von 16,8 Mrd. US-Dollar aus der Neubewertung seiner Anthropic-Beteiligung aus. Auf dem Papier ist die anfängliche Investition inzwischen auf einen Buchwert von rund 74 Mrd. US-Dollar angewachsen.
Das ist keine Randnotiz in der Amazon-Bilanz. Es ist eine der größten Einzelinvestitionen, die ein börsennotiertes Technologieunternehmen je in ein privates KI-Startup getätigt hat. Und sie zahlt sich aus, noch bevor Anthropic an die Börse geht. Es ist davon auszugehen, dass der Wert dieser Beteiligung nach dem Börsengang deutlich mehr wert sein wird.
Dazu kommen noch die operativen Vorteile für Amazon aus dieser Beteiligung. Als Teil der im April erweiterten Vereinbarung hat sich Anthropic verpflichtet, über die nächsten 10 Jahre AWS-Technologien im Wert von mehr als 100 Mrd. US-Dollar abzunehmen. Das bedeutet: Jedes KI-Modell, das Anthropic trainiert und betreibt, läuft maßgeblich auf der Infrastruktur von Amazon. Für Amazon ist Anthropic damit nicht nur eine extrem lukrative Finanzbeteiligung, sondern auch der entscheidende strategische Anker im Cloud-Wettbewerb gegen Microsoft (WKN: 870747) Azure und Google Cloud.
Wer heute Amazon-Aktien kauft, sichert sich damit im Grunde eine der weltweit größten Positionen an einem privaten KI-Schwergewicht. Eingebettet in einen Konzern, der ohnehin den globalen Cloud-Markt dominiert.
Der zweite indirekte Weg: Alphabet
Auch die Muttergesellschaft von Google profitiert vom Rückenwind eines anstehenden Anthropic-Börsengangs. Alphabet (WKN: A14Y6H) wies im ersten Quartal 2026 sonstige Nettoerträge von 37,7 Mrd. US-Dollar aus. Diese beruhen im Wesentlichen auf unrealisierten Buchgewinnen in Höhe von 36,9 Mrd. US-Dollar bei nicht marktfähigen Beteiligungen. Getrieben vor allem durch die explosionsartige Wertsteigerung von Portfoliounternehmen wie Anthropic.
Diese Buchgewinne können sich mit dem Börsengang in echte Erlöse verwandeln. Sobald Anthropic an der Börse gelistet ist und ein Marktpreis feststeht, kann Alphabet seine Position neu bewerten, halten oder schrittweise versilbern. Der Börsengang bringt somit Transparenz in ein Segment, das bisher eine Blackbox war.
Das macht Alphabet strategisch besonders spannend: Der Konzern deckt alle Flanken des KI-Wettlaufs ab. Mit Gemini hat Alphabet ein eigenes Modell, mit Google Cloud den passenden Hyperscaler und mit DeepMind eine starke Forschungseinheit. Die Beteiligung an Anthropic ist deshalb keine riskante Einzelwette, sondern eine clevere Diversifikation im eigenen KI-Ökosystem.
Wer die Alphabet-Aktie kauft, bekommt das Suchmaschinenmonopol, ein rasant wachsendes Cloud-Geschäft, eigene KI-Entwicklungen und die wertvolle Anthropic-Beteiligung in einem einzigen Paket.
Der dritte indirekte Weg: Microsoft
Wer einen indirekten Draht zu OpenAI sucht, findet ihn in Redmond. Microsoft ist nicht einfach nur ein früher Investor, sondern der strategische Hauptpartner, auf dessen Infrastruktur OpenAI komplett aufbaut.
Im Oktober 2025 wandelte Microsoft seine bisherige Beteiligung in eine direkte Equity-Position von 26,79 % an OpenAI um. Der Wert dieser Beteiligung wurde auf Basis der damaligen Bewertung mit rund 135 Mrd. US-Dollar angesetzt. Im Gegenzug ging OpenAI eine der größten Cloud-Verpflichtungen der Geschichte ein und sagte zu, Rechenleistung im Wert von 250 Mrd. US-Dollar über Microsoft Azure zu beziehen.
Diese Partnerschaft ist längst nicht mehr abstrakt. Im aktuellen Kalenderjahr dürften rund 6 Mrd. US-Dollar von OpenAI an Microsoft fließen. Das ist sogar deutlich mehr als die ursprünglich erwarteten 4 Mrd. US-Dollar. OpenAI überweist dem Konzern 20 % seines Umsatzes, bis im Jahr 2030 die vereinbarte Obergrenze von insgesamt 38 Mrd. US-Dollar erreicht ist. Was vor Jahren als riskante Wette auf eine unbekannte Technologie begann, ist heute ein verlässlicher Einnahmeposten in Microsofts Bilanz.
Das schlägt sich bereits schwarz auf weiß in den Zahlen nieder. Im dritten Quartal des Fiskaljahres 2026 wuchs der Umsatz mit Azure und anderen Cloud-Diensten im Jahresvergleich um 40 %. Das gesamte Segment „Intelligent Cloud“ erzielte einen Umsatz von 34,7 Mrd. US-Dollar, was einem Plus von 30 % entspricht. Ein erheblicher Teil dieses Wachstums geht direkt auf das Konto von OpenAI-Workloads, die über die Azure-Infrastruktur laufen.
Wer sich die Microsoft-Aktie ins Depot legt, kauft damit nicht nur einen der profitabelsten Tech-Konzerne der Welt. Man erhält eine 26,8-prozentige Beteiligung an OpenAI, einen langfristigen, vertraglich garantierten Cashflow und die Kontrolle über den Infrastrukturbetreiber, über den der gesamte ChatGPT-Verkehr läuft. Das ist strukturelle OpenAI-Exposition ohne das typische Erstbörsen-Risiko.
OpenAI und Anthropic IPO: Zwei Börsengänge und drei Aktien, um davon zu profitieren
Wer auf die Börsengänge von OpenAI oder Anthropic wartet, um am ersten Handelstag einzusteigen, trägt das volle Risiko eines überhitzten Eröffnungskurses.
Wer sich dagegen heute schon Amazon, Alphabet oder Microsoft ins Depot legt, profitiert strukturell von denselben Bewertungszuwächsen. Allerdings abgesichert durch das Fundament hochprofitabler Tech-Giganten.
Mittlerweile hängen rund 45 % des zukünftigen kommerziellen Auftragsbestands von Microsoft, der sich auf 625 Milliarden US-Dollar beläuft, direkt an OpenAI. Bei Amazon schlugen allein im ersten Quartal 2026 rund 16,8 Mrd. US-Dollar an nicht-realisierten Vorsteuergewinnen aus der Neubewertung der Anthropic-Beteiligung zu Buche. Und Alphabet verbuchte durch seine privaten Beteiligungen – allen voran Anthropic – im selben Quartal einen Buchgewinn von 36,9 Mrd. US-Dollar vor Steuern, was das Nettoergebnis nach Steuern um 28,7 Mrd. US-Dollar erhöhte.
Diese drei Konzerne sind keine Zaungäste beim KI-Boom. Sie sind als Großinvestoren und Partner fest in den Start-ups verankert, die nun an die Börse drängen.
Der Unterschied zum direkten IPO-Investment liegt nicht im Thema selbst, sondern in der Verpackung. Amazon, Alphabet und Microsoft bieten Diversifikation, solide Cashflows und eine operative Substanz, die als Puffer dient, falls die ersten Handelstage der Börsenneulinge enttäuschen.
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Caio Reimertshofer besitzt Aktien von Alphabet (C-Aktien), Amazon, Microsoft und SpaceX. Aktienwelt360 empfiehlt Aktien von Alphabet, Amazon und Microsoft.