Wachstumsmotor E-Rezept: Setzt die Redcare-Aktie zum Turnaround an?

Ein Thermometer liegt auf einem Berg an Medikamenten, Arzneien und Pillen.
Foto: Pixabay via Pexels

Bei Redcare Pharmacy (WKN: A2AR94) setzen wir auf den langfristigen Trend zur Online-Apotheke. Besonders wichtig ist für unsere Investition der deutsche Markt: Mit der flächendeckenden Einführung des elektronischen Rezepts ist eine der größten Hürden für den Versand verschreibungspflichtiger Medikamente gefallen. Kunden können ihr Rezept inzwischen digital einlösen, anstatt zuvor ein Papierrezept verschicken zu müssen. Das erste Quartal 2026 zeigt, dass Redcare Pharmacy von dieser Entwicklung profitiert. Der Umsatz wächst stark, die Profitabilität verbessert sich und das Management hat seine Jahresprognose inzwischen angehoben. Seit Ende März ist auch die Redcare-Aktie um über 120 % gestiegen.

Redcare-Aktie: Die wichtigsten Zahlen im letzten Quartal

Der Konzernumsatz stieg im ersten Quartal um 18,4 % auf 849,5 Mio. Euro. Besonders dynamisch entwickelte sich weiterhin das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Die deutschen Rx-Umsätze legten um 55 % zu. Gleichzeitig beschleunigte sich das Wachstum mit rezeptfreien Produkten in Deutschland von 5 % im vorherigen Quartal auf 9 %. Redcare Pharmacy wächst somit nicht mehr ausschließlich durch das E-Rezept. Auch das klassische Geschäft mit frei verkäuflichen Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln sowie Gesundheits- und Pflegeprodukten gewinnt wieder an Dynamik.

Die Kundenkennzahlen unterstreichen den Wachstumskurs. Redcare Pharmacy erreichte zum Quartalsende 14,2 Mio. aktive Kunden. Das waren 1,1 Mio. mehr als ein Jahr zuvor und rund 300.000 mehr als zum Ende des vergangenen Quartals. Die Zahl der Bestellungen erhöhte sich von 11,5 Mio. auf 12,6 Mio. Gleichzeitig stieg der durchschnittliche Warenkorb von 62,40 Euro auf 67,90 Euro. Dabei hilft das wachsende Rezeptgeschäft, denn verschreibungspflichtige Medikamente führen im Durchschnitt zu höheren Bestellwerten. Mit einer Wiederbestellungsquote von 90 % besitzt Redcare zudem eine hohe Kundenbindung.

Wachsende Gewinne dank steigender Effizienz bei Redcare Pharmacy

Besonders wichtig ist für uns jedoch, dass das Wachstum zunehmend in den Ergebnissen ankommt. Das bereinigte EBITDA stieg um 58 % von 9,1 Mio. auf 14,4 Mio. Euro. Die entsprechende Marge verbesserte sich von 1,3 % auf 1,7 %. Das klingt zunächst noch immer nach wenig. Bei einem Onlinehändler mit hohen Logistik-, Marketing- und Personalkosten entsteht jedoch ein bedeutender Teil der Profitabilität über Skaleneffekte. Je mehr Bestellungen Redcare über seine bestehende Infrastruktur abwickelt, desto geringer fallen viele Kosten im Verhältnis zum Umsatz aus.

Genau das sehen wir bei den Vertriebs- und Verwaltungskosten. Die bereinigten Vertriebs- und Logistikkosten stiegen nominal zwar von 139,3 Mio. auf 143,1 Mio. Euro. Gemessen am Umsatz sank ihr Anteil aber deutlich von 19,4 % auf 16,8 %. Auch die bereinigten Verwaltungskosten gingen im Verhältnis zum Umsatz von 2,7 % auf 2,4 % zurück. Effizientere Marketingausgaben und die bessere Auslastung der bestehenden Infrastruktur konnten dadurch den Druck auf die Bruttomarge mehr als ausgleichen.

Denn an dieser Stelle besitzt das Quartal durchaus eine Schwachstelle. Die Bruttomarge sank von 23,3 % auf 21,0 %. Der Bruttogewinn wuchs dadurch lediglich um 6,4 % auf 178 Mio. Euro und somit deutlich langsamer als der Umsatz. Redcare nennt dafür drei wesentliche Gründe: einen intensiven Wettbewerb bei rezeptfreien Produkten, den steigenden Anteil des margenschwächeren Rezeptgeschäfts und das im dritten Quartal 2025 eingeführte Bonusmodell für Rezeptkunden. Der Anteil verschreibungspflichtiger Medikamente am Konzernumsatz stieg innerhalb eines Jahres von 33 % auf 37 %.

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Im Detail: Wie das Geschäftsmodell von Redcare Pharmacy funktioniert

Das Bonusmodell ist strategisch nachvollziehbar. Redcare Pharmacy versucht, neue Kunden frühzeitig für die eigene Plattform zu gewinnen und sie anschließend zu regelmäßigen Bestellungen zu bewegen. Kurzfristig kostet das Marge. Langfristig kann daraus jedoch ein wertvoller Kundenstamm mit wiederkehrenden Umsätzen entstehen. Entscheidend ist daher, dass die niedrigere Bruttomarge durch effizientere Prozesse und geringere Marketingkosten ausgeglichen wird. Im ersten Quartal ist Redcare genau das gelungen.

Beim unbereinigten Ergebnis ist der Online-Apotheker allerdings noch nicht vollständig profitabel. Das operative Ergebnis verbesserte sich von minus 9,1 Mio. auf minus 3,6 Mio. Euro. Unter dem Strich blieb ein Verlust von 11,0 Mio. Euro nach minus 11,6 Mio. Euro im Vorjahresquartal. Der höhere Finanzaufwand verhinderte hier einen deutlicheren Fortschritt. Wir dürfen daher das bereinigte EBITDA nicht mit einem bereits hochprofitablen Geschäftsmodell verwechseln. Redcare nähert sich der Gewinnschwelle, hat sie auf Konzernebene aber noch nicht nachhaltig überschritten.

DACH und international: Wo kommen die Umsätze her?

Der Blick auf die Regionen zeigt ebenfalls zwei unterschiedliche Entwicklungen. Im Kernmarkt Deutschland, Österreich und Schweiz stieg der Umsatz um 19,1 % auf 693,5 Mio. Euro. Das bereinigte EBITDA erhöhte sich von 10,3 Mio. auf 18,0 Mio. Euro. Die Marge verbesserte sich entsprechend von 1,8 % auf 2,6 %. Wir sehen hier, welche Profitabilität durch Größe und eine hohe Auslastung grundsätzlich möglich wird.

Das internationale Segment mit Belgien, Frankreich, Italien und den Niederlanden wuchs hingegen um 15,7 % auf 156 Mio. Euro. Gleichzeitig verschlechterte sich das bereinigte EBITDA von minus 1,2 Mio. auf minus 3,5 Mio. Euro. Die Marge sank von minus 0,9 % auf minus 2,3 %. Redcare begründete das unter anderem mit vorübergehenden länderspezifischen und saisonalen Effekten. Trotzdem bleibt das internationale Geschäft ein Bereich, den wir beobachten müssen. Wachstum allein schafft keinen Mehrwert, wenn dauerhaft größere operative Verluste entstehen.

Redcare-Aktie: Was uns sonst noch aufgefallen ist

Der operative Cashflow fiel mit 22,5 Mio. Euro positiv aus, lag aber unter den 36,8 Mio. Euro aus dem Vorjahresquartal. Redcare investierte rund 20,7 Mio. Euro in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte. Zudem kaufte das Unternehmen Wandelanleihen im Umfang von 64,5 Mio. Euro zurück. Dadurch sanken die kurzfristigen Finanzverbindlichkeiten von 86,3 Mio. auf 23,0 Mio. Euro. Gleichzeitig verringerte sich die Summe aus liquiden Mitteln und kurzfristigen Finanzanlagen von 203,5 Mio. auf 135,0 Mio. Euro. Wir bewerten diesen Rückgang nicht als operative Schwäche, da der größte Teil des Geldes bewusst zur Reduzierung der Finanzverbindlichkeiten eingesetzt wurde. Die Eigenkapitalquote blieb mit 39,7 % stabil.

Besonders erfreulich ist, dass sich das Wachstum nach dem Ende des ersten Quartals weiter beschleunigt hat. In den ersten beiden Monaten des zweiten Quartals stieg der Konzernumsatz um rund 20 %. Das deutsche Geschäft mit rezeptfreien Produkten wuchs um 14 %, nachdem es im ersten Quartal noch um 9 % zugelegt hatte. Die deutschen Rezeptumsätze erhöhten sich zugleich um 57 %. Redcare erklärte außerdem, dass sich das bereinigte EBITDA gegenüber dem Vorjahr weiter verbessert habe. Vollständige Zahlen zum zweiten Quartal wird das Unternehmen allerdings erst am 29. Juli veröffentlichen.

Redcare-Aktie: Der Ausblick und unser Fazit

Aufgrund dieser Entwicklung hat das Management seine Prognose für 2026 angehoben. Der Konzernumsatz soll nun um 15 % bis 17 % wachsen. Zuvor hatte Redcare lediglich 13 % bis 15 % erwartet. Für das Geschäft mit rezeptfreien Produkten rechnet das Management mit einem Plus von 10 % bis 12 % statt bisher 8 % bis 10 %. Die deutschen Rezeptumsätze sollen zwischen 680 Mio. und 720 Mio. Euro erreichen. Das entspricht einem Wachstum von 35 % bis 43 %. Gleichzeitig erwartet Redcare nun eine bereinigte EBITDA-Marge zwischen 2,5 % und 3,0 %.

Wir sind mit der Entwicklung insgesamt zufrieden. Redcare Pharmacy wächst schnell, gewinnt neue Kunden und profitiert sichtbar vom elektronischen Rezept. Gleichzeitig zeigt das erste Quartal, dass die Skaleneffekte funktionieren: Obwohl die Bruttomarge deutlich sank, stieg das bereinigte EBITDA überproportional. Die größte Aufgabe bleibt die nachhaltige Profitabilität. Das internationale Geschäft schreibt höhere Verluste und auch auf Konzernebene stand unter dem Strich noch ein Minus.

Die angehobene Prognose und die weitere Beschleunigung im zweiten Quartal stärken jedoch unsere ursprüngliche Investitionsthese für die Redcare-Aktie. Redcare Pharmacy entwickelt sich zunehmend von einem wachstumsstarken Onlinehändler zu einer europäischen Gesundheitsplattform mit wiederkehrenden Umsätzen. Jetzt muss das Management beweisen, dass aus dem starken Wachstum Schritt für Schritt auch belastbare Nettogewinne entstehen.

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