Novo Nordisk: Turnaround-Kandidat mit Risiken und Nebenwirkungen

Das dänische Healthcare Unternehmen Novo Nordisk (WKN: A3EU6F) ist sicherlich für viele Anleger in der Aktienwelt360 Community ein alter Bekannter. Darüber hinaus ist es zweifelsohne eines der schillerndsten Beispiele für langfristigen Erfolg im Biotechnologie- und Pharmabereich an der Börse.
Allerdings lasteten in der jüngeren Vergangenheit einige Probleme schwer auf dem Unternehmen und seinem Image als führendes Forschungsunternehmen. Diese Krise scheint nun langsam überwunden zu sein. Denn die positiven Meldungen rund um das Unternehmen häufen sich in letzter Zeit. Zudem ist das Unternehmen im historischen Vergleich aktuell günstig bewertet (KGV: ca. 14) und hat eine attraktive Dividendenrendite von ca. 3,8 %.
Eine gute Gelegenheit also, sich diesen ehemaligen Renditestar und waschechten Dividendenaristokraten mal wieder etwas genauer anzuschauen und folgende Fragen zu beantworten. Kann das Unternehmen in Zukunft wieder an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen und wird der Turnaround gelingen, oder sind die Risken zu groß?
Vergangenheit gleich Zukunft?
Wie allgemein bekannt wird an der Börse die Zukunft gehandelt. Die finanzielle Zukunft eines forschenden Gesundheitsunternehmens wird maßgeblich durch zwei Faktoren bestimmt. Zum einen, die Erfolge in seiner Entwicklungspipeline und zum anderen, die Aufnahmefähigkeit des Marktes für die neu entwickelten Medikamente. Auch die innovativste neue Therapie kann ihr volles finanzielles Potenzial nicht entfalten, wenn es zu viele ähnlich wirksame Konkurrenzprodukte gibt.
Daher müssen wir, um die zuvor genannten Fragen zu beantworten, uns zwei wichtige Punkte mal etwas genauer anschauen. Die Forschungspipeline und die Konkurrenzsituation des weltweit tätigen, dänischen Healthcare Unternehmens. Beide Parameter zusammen bestimmen letztendlich, ob der Turnaround von Novo Nordisk gelingt und die lange Historie von steigenden Unternehmensgewinnen in Zukunft wieder fortgesetzt werden kann. Durch wieder steigende Gewinne würden zudem die Fundamente der aktionärsfreundlichen Dividendenpolitik gestärkt und zusätzliche finanzielle Freiräume für Aktienrückkäufe geschaffen. Beides würde sich wahrscheinlich auch positiv auf die zukünftige Kursentwicklung auswirken und somit ein Szenario für den Turnaround unterstützen.
Novo Nordisk: Ein innovativer Biotechnologiegigant mit mehr als einem Pfeil im Köcher
Über Novo Nordisk ist in letzter Zeit hauptsächlich in Bezug auf seine großen Erfolge im Bereich Gewichtsreduktion berichtet worden (z. B. Markteinführung der Abnehmpille Wegovy). Weniger Beachtung beim Markt finden hingegen die weiteren Therapiesegmente des Unternehmens.
Novo Nordisk ist auch ein führendes Unternehmen im Bereich Diabetesbehandlungen und entwickelt schon seit Jahrzehnten erfolgreich Therapien gegen seltene Erkrankungen. Gute Bespiele sind hier Medikamente zur Behandlung von Hämophilie A und spezifischen Wachstumsstörungen. Außerdem befinden sich aktuell Projekte in der späten Entwicklungsphase, die sich mit der Behandlung von kardiovaskulären Erkrankungen, Lebererkrankungen und Nierenleiden beschäftigen. Drei große Erkrankungsfelder, die allein schon wegen der Demografie in zahlreichen, wichtigen Medikamentenmärkten lukrativ sind. Sollten die Projekte in diesen Bereichen erfolgreich sein, könnten diese Therapiesegmente in Zukunft signifikant zum Unternehmensgewinn von Novo Nordisk beitragen.
Der Biotechnologiegigant Novo Nordisk ist also breit aufgestellt und hat viel mehr zu bieten als nur Abnehmmedikamente. Die Forschungspipeline ist prall gefüllt mit spannenden Projekten, die sich mit den unterschiedlichsten Krankheiten, auch abseits des Übergewichtsthemas, befassen. Sollten einige dieser Projekte und die darin erforschten Testsubstanzen (z. B. Efruxifermin (MASH) oder Ziltivekimab (CVD)) erfolgreich sein, wäre das, aus den oben genannten Gründen, ein großer Gewinn für Novo Nordisk. Man kann also sagen, dass die Forschungspipeline sicherlich das Potenzial hat, das Wachstum des Unternehmens in den nächsten Jahren zu beflügeln.
Außerdem ist Novo Nordisk ein innovatives Unternehmen, das nicht stehen bleibt. Es wird stets versucht neue Technologien in die eigene Forschung zu integrieren. Beispielhaft hierfür ist die kürzlich gemachte Ankündigung, dass man eine strategische Partnerschaft mit AWS (Amazon) eingehen will, um mit KI und Cloudtechnologien die Forschung zu beschleunigen.
Die Konkurrenz schläft nicht und ist zahlreich
Nun zur Konkurrenzsituation von Novo Nordisk. Hierbei möchte ich mich heute auf den Bereich der Abnehmmedikamente beschränken. Zum einen, da dies wahrscheinlich der Bereich sein wird, der den Aktienkurs des Unternehmens in näherer Zukunft am meisten beeinflussen wird. Zum anderen, da ich glaube, dass ein langfristiger Turnaround ohne sichtbare Erfolge in diesem Kernbereich des Unternehmens nicht möglich ist.
Aber genug der Vorrede. Die wahrscheinlich wichtigsten Konkurrenten von Novo Nordisk in diesem Bereich sind: Eli Lilly (WKN: 858560), Pfizer (WKN: 852009), AstraZeneca (WKN: 886455), Zealand Pharma (WKN: A0YJW7), Gubra (WKN: A3D9NV), Viking Therapeutics (WKN: A12GD6), Structure Therapeutics (WKN: A3D5Y7), Amgen (WKN: 867900) und der Börsenneuling Kailera Therapeutics (WKN: A429HX).
Zahlreich ja, aber auch schlagkräftig?
Jedes dieser Unternehmen ist innovativ und wäre einen eigenen Artikel wert. Heute soll es aber nur darum gehen, ob sie eine ernsthafte Konkurrenz für Novo Nordisk sind. Im Falle von Eli Lilly ist die Antwort eindeutig ja! Auch bei Eli Lilly befinden sich zahlreiche Projekte in der fortgeschrittenen klinischen Entwicklung. Außerdem verfügt das Unternehmen zweifelsohne über das Know-how und die Ressourcen, diese Projekte abzuschließen und auf den Markt zu bringen. Der beste Beweis hierfür ist die kürzliche Markteinführung von Foundayo (Abnehmpille) in den USA und weiteren Märkten. Pfizer und AstraZeneca haben ebenfalls spannende Projekte in der Forschungspipeline. Darüber hinaus konnten sie durch eine Übernahme im Falle von Pfizer (Metsera) und eine Kooperation im Falle von AstraZeneca (CSPC Pharmaceutical Group) ihre Position im Feld kürzlich deutlich verbessern.
Die Biotechschmieden Zealand Pharma und Gubra sind deutlich kleiner als die drei zuvor genannten. Das heißt aber nicht, dass sie deswegen weniger forschungsstark oder innovativ in ihrer Nische sind. Beide Unternehmen verfügen über mehrere aussichtsreiche Programme im Abnehmsegment und haben finanzstarke Partner (Roche und Boehringer Ingelheim bei Zealand Pharma und AbbVie und Boehringer Ingelheim bei Gubra). Dadurch haben sie wahrscheinlich genug Ressourcen ihre Projekte abzuschließen und zu vermarkten. Viking Therapeutics und Structure Therapeutics sind ebenfalls vergleichsweise kleine Biotechnologieunternehmen. Ihre Forschungspipelines im Gewichtsmanagement sind aber bereits weit fortgeschritten und beinhalten mehrere spannende Projekte. Sollte es in näherer Zukunft zu einer Kooperation oder Übernahme kommen, könnte sich zudem das Entwicklungstempo in ihren Forschungsabteilungen deutlich beschleunigen. Das würde wiederum ihre Position im Feld wahrscheinlich verbessern und sie somit zu noch stärkeren Konkurrenten für Novo Nordisk machen.
Amgen ist ein etablierter Player in der Pharma- und Biotechnologiebranche und forscht an Medikamenten in zahlreichen Therapiesegmenten. Zu diesen Segmenten gehört auch der Bereich Abnehmmedikamente. Mit MariTide befindet sich hier ein Projekt in der weit fortgeschrittenen klinischen Entwicklung. Der Börsenneuling Kailera Therapeutics fokussiert sich ausschließlich auf den Bereich Abnehmmedikamente und hat mehrere aussichtsreiche Projekte in den späten klinischen Phasen. Durch den kürzlich erfolgten Börsengang ist das Unternehmen darüber hinaus finanziell gut aufgestellt und hat genug Mittel, um seine Forschung zu finanzieren. Des Weiteren verfügt es mit Jiangsu Hengrui Pharmaceuticals Co. über einen forschungsstarken Kooperationspartner, der es unterstützt.
Zahlreich und ebenso schlagkräftig wie hartnäckig
Novo Nordisk hat also zahlreiche, innovative Kompetitoren im Abnehmsegment. Vom großen, etablierten Konzern bis zum Börsenneuling ist alles dabei und so unterschiedlich wie die Unternehmen, sind auch ihre Programme. Darüber hinaus ist der Newsflow aus der Forschungspipeline bei vielen Konkurrenten in letzter Zeit durchaus positiv gewesen (z. B. bei Eli Lilly, Kailera Therapeutics und Zealand Pharma).
Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Interesse der Kompetitoren an diesem Medikamentenmarkt, trotz der Forschungserfolge anderer im Abnehmsegment, offenbar nicht nachlässt. Erst kürzlich hat AstraZeneca in seinem neusten Quartalsbericht bekannt gegeben, dass es einen seiner Kandidaten aus dem Forschungsbereich Abnehmmedikamente (Elecoglipron) in gleich sechs Phase III Studien testen wird. Das ist eine breit angelegte Forschungsoffensive des Unternehmens. Diese Entscheidung des Managements unterstreicht nochmals, dass dieser Bereich eine hohe Relevanz hat für das Unternehmen und dass man seiner Konkurrenz das Feld nicht überlassen möchte.
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei der Biotechschmiede Gubra. Diese hat kürzlich angekündigt, gleich drei ihrer Kandidaten in aufbauenden klinischen Studien testen zu wollen. Brisant ist hier, dass zwei dieser Kandidaten aus Partnerprogrammen (AbbVie und Boehringer Ingelheim) stammen. Sollte die klinische Entwicklung erfolgreich verlaufen, ist die Wahrscheinlichkeit daher hoch, dass die dann fertigen Medikamente auch breit vermarktet werden. Hierdurch würde der Konkurrenzdruck im Markt höchstwahrscheinlich erhöht werden.
Ein Problem, viele mögliche Lösungen
Heißt das nun, dass die Konkurrenz zu stark ist, Novo Nordisk das Rennen um das beste Abnehmmedikament verliert und somit der Turnaround ausbleibt? Nein, meiner Einschätzung nach ist Novo Nordisk im Abnehmbereich durch seine zahlreichen, synergetischen Projekte hervorragend positioniert. Durch diese Forschungstiefe und seine Expertise stehen die Chancen gut, dass es sich auch in einem sich intensivierenden Konkurrenzumfeld behaupten kann. Zudem verfügt es über einen gewissen Vorsprung in der Entwicklung gegenüber einigen Konkurrenten und es ist, wie schon erwähnt, nicht nur im Abnehmbereich tätig. Diese „Nebenwirkungen“ sorgen für eine gewisse Diversifikation im Portfolio und reduzieren das finanzielle Risiko. Darüber hinaus erhöhen sie die Chance auf die Entwicklung weiterer, lukrativer Medikamente in angrenzenden Bereichen.
Außerdem sollte man bezüglich der Konkurrenzsituation auch einen wichtigen Punkt nicht vergessen: Medikamentenforschung ist risikoreich. Nicht jedes Projekt der Konkurrenz wird letztendlich zu einem fertigen Abnehmmedikament auf dem Markt führen. Ein gutes Beispiel hierfür ist AMG 513 (Abnehmbereich) von Amgen, dessen weitere Entwicklung nach der ersten Phase eingestellt wird.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist außerdem, dass der Abnehmmarkt konstant wächst und starkes Übergewicht ein sehr diverses Krankheitsbild ist. Es gibt hier viele Ausprägungsformen, Schweregrade, mögliche Ursachen und potenzielle Begleiterkrankungen. Daher ist genug Platz am Markt für mehrere Player und es braucht verschiedene Medikamente und Therapieansätze, um problematisches Übergewicht effektiv zu behandeln.
Novo Nordisk und der Turnaround im umkämpften Markt
Ein letzter Punkt sollte, meiner Meinung nach, bei der Betrachtung der Wahrscheinlichkeit für einen Turnaround von Novo Nordisk allerdings nicht vergessen werden. Dieser Aspekt hat nämlich das Potenzial, die strategischen Bemühungen des Unternehmens um einen Turnaround empfindlich zu stören. Die Rede ist von rechtlichen Kämpfen mit Wettbewerbern oder anderen Akteuren im Gesundheitsbereich. Gute Beispiele hierfür sind die Kämpfe, die seit neustem mit Eli Lilly ausgetragen werden (Klage wegen irreführender Werbung) oder vor einiger Zeit mit Hims & Hers Health ausgetragen wurden (Klage wegen illegaler Verbreitung von Nachahmermedikamenten).
Solche Streitigkeiten können den Markt verunsichern. Diese Unsicherheit kann leichte Anzeichen eines operativen Turnarounds bei Novo Nordisk schnell überschatten und potenzielle Investoren abschrecken. Allerdings scheint Novo Nordisk auch auf dieses Risiko im umkämpften Markt für Abnehmmedikamente grundsätzlich gut vorbereitet zu sein (s. Einigung im Fall Hims & Hers Health und Abschluss einer Vertriebspartnerschaft für Originalmedikamente). Daher denke ich, dass man dieses Risiko für den operativen Turnaround als langfristiger Investor zwar im Blick haben, aber nicht überbewerten sollte. Denn, auch wenn solche Kämpfe kurzfristig die Entwicklung von Novo Nordisk stören können, sind doch die zuvor genannten Punkte für den langfristigen Turnaround des Unternehmens wichtiger.
Fazit
Meiner Meinung nach ist Novo Nordisk ein innovatives Unternehmen, das auch in Zukunft wegweisende Therapien auf den Markt bringen wird. Natürlich ist die zunehmende Konkurrenz in einem Kernbereich des Forschungsportfolios ein Risiko, das die weitere Entwicklung des Unternehmens hemmen kann. Aus meiner Sicht ist dieses Risiko in der aktuell eher günstigen Bewertung aber bereits eingepreist. Daher denke ich, dass Novo Nordisk der langfristige Turnaround gelingen und das Unternehmen wieder zu alter Stärke finden wird.
Dieses Wiedererstarken wird sich sehr wahrscheinlich langfristig auch positiv auf die Unternehmensbewertung auswirken und aus der Renditebremse wieder einen Outperformer machen. Aus diesen Gründen glaube ich, dass aktuell ein guter Zeitpunkt ist für langfristig ausgerichtete Investoren mit Appetit auf Turnaroundaktien, ein Auge auf Novo Nordisk zu werfen. Jetzt könnte nämlich ein guter Zeitpunkt sein, über einen Einstieg oder Nachkauf nachzudenken.
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Daniel P. Ott besitzt Aktien von Novo Nordisk, Pfizer, AstraZeneca und AbbVie. Aktienwelt360 empfiehlt Aktien von Amazon, Hims & Hers und Novo Nordisk.
