Deep Dive: Darum könnte die Zalando-Aktie ein Kauf sein

Das Firmengebäude von Zalando
Foto: Peter Roegner

Mit der Zalando-Aktie (WKN: ZAL111) setzen Anleger längst nicht mehr nur auf einen klassischen Onlinehändler für Mode. Der Konzern entwickelt sich zunehmend zu einer Plattform, die neben dem Verkauf an Endkunden auch Logistik-, Software- und Marketingdienstleistungen für Marken und Händler anbietet. Durch die Übernahme von ABOUT YOU ist das Endkundengeschäft zudem breiter aufgestellt. Die Zahlen für das zweite Quartal 2026 zeigen nun, dass diese Strategie erste Früchte trägt. Das Wachstum ist hoch, die Synergien liegen über Plan und insbesondere das B2B-Geschäft entwickelt sich zu einem bedeutenden Ergebnistreiber. Dennoch bleibt noch ein weiter Weg zu gehen.

Zalando-Aktie: Operative Fortschritte

Das Bruttowarenvolumen stieg im zweiten Quartal um 20,7 % auf 4,92 Mrd. Euro. Der Umsatz erhöhte sich ebenfalls um 20,8 % auf 3,42 Mrd. Euro. Diese hohen Wachstumsraten müssen wir allerdings richtig einordnen. ABOUT YOU wird erst seit dem 11. Juli 2025 in den Zalando-Konzern einbezogen und war im Vorjahresquartal noch nicht enthalten. Ein bedeutender Teil des ausgewiesenen Wachstums stammt daher aus der Übernahme und nicht aus einer entsprechend starken organischen Entwicklung.

Trotzdem sehen wir operative Fortschritte. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern stieg um 10,4 % auf 204,8 Mio. Euro. Die bereinigte EBIT-Marge sank zwar von 6,5 % auf 6,0 %. Dafür ist jedoch vor allem die Einbeziehung des bislang weniger profitablen ABOUT-YOU-Geschäfts verantwortlich. Das eigenständige Zalando-Geschäft verbesserte seine bereinigte EBIT-Marge hingegen auf 6,6 %. Zudem steuerte die Integration von ABOUT YOU im zweiten Quartal bereits mehr als 10 Mio. Euro an Synergien bei. Das Management befindet sich damit auf einem guten Weg, das Synergie-Ziel von 40 Mio. Euro für das Gesamtjahr zu erreichen.

Beim ausgewiesenen Gewinn sieht die Entwicklung schwächer aus. Der Nettogewinn sank von 96,6 Mio. auf 73,8 Mio. Euro. Hier zeigen sich unter anderem die Kosten der Integration und Umstrukturierung. Wir sollten daher nicht nur auf das bereinigte Ergebnis schauen. Die Übernahme von ABOUT YOU kann Zalando langfristig stärker und effizienter machen. Kurzfristig verursacht sie jedoch reale Aufwendungen und führt dazu, dass das Wachstum noch nicht vollständig bei den Investoren der Zalando-Aktie ankommt.

Die wichtigsten operativen Kennzahlen im Überblick

Im Endkundengeschäft erhöhte sich der Umsatz um 20,3 % auf 3,10 Mrd. Euro. Das bereinigte EBIT sank allerdings von 173,7 Mio. auf 164,1 Mio. Euro. Das B2C-Geschäft wächst somit, wird aber zunächst weniger profitabel. Auch hier spielt die Konsolidierung von ABOUT YOU eine Rolle. Gleichzeitig investiert Zalando in neue Kategorien, den Kundenservice und die Weiterentwicklung seiner drei Apps Zalando, ABOUT YOU und Lounge by Zalando.

Die Zahl der aktiven Kundinnen und Kunden stieg um 18,3 % auf den Rekordwert von 62,5 Mio. Auch dieser Sprung ist teilweise auf ABOUT YOU zurückzuführen. Die Zahl der Bestellungen erhöhte sich von 65,0 Mio. auf 77,5 Mio. Die durchschnittliche Zahl der Bestellungen je aktivem Kunden blieb mit 4,8 jedoch unverändert. Die durchschnittliche Warenkorbgröße verbesserte sich wiederum von 61,60 Euro auf 63,40 Euro. Zalando gewinnt durch ABOUT YOU somit deutlich an Reichweite. Die Bestellfrequenz der einzelnen Kunden wächst momentan allerdings nicht.

Besonders positiv entwickelt sich das Partnergeschäft. Dessen Anteil am Bruttowarenvolumen des eigenständigen Zalando-B2C-Geschäfts stieg um 3,2 Prozentpunkte auf 36,9 %. Auf Gruppenebene einschließlich ABOUT YOU lag der Anteil bei 31,9 %. Dabei verkaufen externe Marken ihre Waren über die Zalando-Plattform, während Zalando unter anderem Provisionen, Marketing- oder Logistikerlöse erzielt. Dieses Modell benötigt weniger eigenes Warenkapital und besitzt grundsätzlich attraktivere Margen als der klassische Einkauf und Weiterverkauf von Mode.

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Auch das Geschäft mit Werbedienstleistungen entwickelt sich dynamisch. Die Erlöse aus Retail Media stiegen um 39,5 %. Marken bezahlen Zalando dabei für eine prominentere Platzierung und gezielte Werbung innerhalb der Plattform. Mit mehr als 62 Mio. aktiven Kunden besitzt Zalando wertvolle Daten über Interessen und Kaufverhalten. Retail Media kann daher zu einem zunehmend profitablen Geschäft werden, ohne dass Zalando selbst zusätzliche Waren einkaufen muss.

Der eigentliche Höhepunkt des Quartals: das B2B-Segment

Der Umsatz erhöhte sich hier um 27,6 % auf 334,7 Mio. Euro. Das bereinigte EBIT sprang von 11,4 Mio. auf 40,7 Mio. Euro. Die Marge verbesserte sich dadurch von 4,3 % auf 12,2 %. Das B2B-Geschäft steuerte inzwischen rund ein Fünftel zum bereinigten Konzernergebnis bei, obwohl es weniger als 10 % des Umsatzes ausmacht. Genau diese Entwicklung kann den Gewinnmix von Zalando langfristig verändern.

Über ZEOS, Tradebyte und SCAYLE stellt Zalando seine Logistik-, Software- und Marktplatzinfrastruktur auch anderen Unternehmen zur Verfügung. Marken und Händler können dadurch ihre Waren über unterschiedliche Plattformen und Länder hinweg verkaufen, ohne überall eigene Systeme und Logistikstrukturen aufzubauen. Skaleneffekte bei ZEOS und die margenstärkeren Softwareerlöse von SCAYLE sorgten im zweiten Quartal für den deutlichen Ergebnissprung.

Neue Partnerschaften stärken diese Entwicklung. Marks & Spencer startet zunächst in ausgewählten Märkten und soll anschließend in insgesamt 22 Märkten über die Zalando-Infrastruktur angebunden werden. NEXT erweitert die Zusammenarbeit auf den Marktplatz von ABOUT YOU. Mit der Wortmann Schuh-Holding, roastmarket, Bike Components und HMV gewann SCAYLE außerdem weitere Kunden für seine Softwareplattform.

Zalando-Aktie: KI-Einsatz, aber mit Sinn und Verstand

Künstliche Intelligenz soll sowohl das Endkunden- als auch das Firmenkundengeschäft effizienter machen. Ein besonders konkretes Beispiel ist SCAYLE STUDIOS. Die Anwendung erzeugt aus Produktmustern mithilfe generativer KI Bilder mit unterschiedlichen Models, Hintergründen und Stilen. Mehr als 100 Marken nutzten das Angebot bereits zweieinhalb Monate nach der Einführung. Nach Angaben von Zalando verkürzt sich die Produktionszeit dadurch um mehr als 95 %, während die Kosten für die Erstellung von Inhalten um rund 90 % sinken.

Auch der Zalando Assistant entwickelt sich weiter. Die Zahl hochwertiger Interaktionen stieg im ersten Halbjahr um 63 %. Kunden können inzwischen Bilder hochladen, nach Trends im Internet suchen und den Assistenten stärker für Servicefragen nutzen. Der entscheidende Punkt ist für uns jedoch nicht, dass Zalando möglichst häufig den Begriff KI verwendet. Relevant wird die Technologie dann, wenn sie tatsächlich Kosten reduziert, Produkte schneller auf die Plattform bringt oder zu höheren Umsätzen führt. Bei SCAYLE STUDIOS sehen wir hierfür erstmals konkrete Kennzahlen.

Die Prognose wird etwas pessimistischer

Beim Ausblick wird das Management etwas vorsichtiger. Zalando erwartet das Wachstum von Bruttowarenvolumen und Umsatz nun in der unteren Hälfte der bisherigen Spanne von 12 % bis 17 %. Das ist keine formelle Prognosesenkung, zeigt aber, dass das organische Wachstum verhalten bleibt. Die Prognose für das bereinigte EBIT wurde von zuvor 660 Mio. bis 740 Mio. Euro auf 680 Mio. bis 720 Mio. Euro eingeengt. Der Mittelpunkt bleibt mit 700 Mio. Euro unverändert.

Wir bewerten das zweite Quartal insgesamt positiv, aber nicht uneingeschränkt. Das ausgewiesene Wachstum von mehr als 20 % sieht aufgrund der ABOUT-YOU-Übernahme stärker aus, als es die organische Entwicklung tatsächlich ist. Zudem sank der Nettogewinn und auch das bereinigte Ergebnis im B2C-Geschäft ging zurück. Das Kerngeschäft mit den Endkunden muss daher zeigen, dass es die größere Reichweite langfristig in höhere Gewinne übersetzen kann.

Warum wir die Zalando-Aktie dennoch positiv sehen

Gleichzeitig erkennen wir einen echten strategischen Fortschritt. Das B2B-Ergebnis hat sich mehr als verdreifacht, Retail Media wächst stark und das Partnergeschäft gewinnt an Bedeutung. Zalando wird dadurch kapitalleichter und weniger abhängig vom reinen Verkauf eigener Waren. Gelingt es dem Management, ABOUT YOU erfolgreich zu integrieren und das margenstarke B2B-Geschäft weiter zu skalieren, könnte Zalando in den kommenden Jahren wesentlich profitabler werden. Das zweite Quartal liefert dafür eine erste Indikation. Wir halten es für möglich, dass die Zalando-Aktie nach Jahren des Seitwärtslaufens wieder einen langfristigen Aufwärtstrend einschlagen wird.

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