So kann der Aktienmarkt einem Crash ausweichen

Ein Crash im Aktienmarkt kommt selten einfach so. Es ist häufig eine hohe Bewertung mit einem unvorhergesehenen Event, das den Markt aus der Fassung bringt. Die Kombination bildete beispielsweise auch in der Dotcom-Blase die Ausgangslage für eine tiefgehende Korrektur.
Die Bewertung im Aktienmarkt ist hoch. Der sogenannte Warren-Buffett-Indikator, der die Börsenbewertung in ein Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) setzt, liegt für die USA bei etwa 240 %. Ein Wert ab 120 gilt bereits als teuer. Auch das Shiller-KGV, das die Gewinnentwicklung der letzten zehn Jahre berücksichtigt, hat sich von einem Durchschnittswert von 17 bis 20 mit einem momentanen Stand von 42 deutlich entfernt.
Trotzdem könnte es der Aktienmarkt schaffen, einem Crash noch auszuweichen. Die große Preisfrage lautet, wie realistisch das ist. Blicken wir also auf die Annahmen, die ein so hohes Bewertungsmaß rechtfertigen könnten, bevor wir überlegen, auf welche Seite wir uns eher befinden sollten: der Chance oder dem Risiko.
Der Aktienmarkt: Wie man einem Crash ausweichen kann
Wenn der Buffett-Indikator bei deutlich über 200 liegt und das Shiller-KGV bei über 40 notiert, ziehen einige Analysten schnell die Parallele zum Dotcom-Crash. Damals waren die Bewertungen jedenfalls ähnlich. Wir können definitiv aus der Vergangenheit lernen und einmal überprüfen, warum es damals schiefgegangen ist.
In der Dotcom-Blase gab es ebenfalls die Innovation, dass das Internet die Welt eroberte. Aber: Der Aktienmarkt machte den Fehler, die reale Innovation mit einem grenzenlosen Gewinnpotenzial gleichzusetzen. Passiert das auch im Markt Künstlicher Intelligenz aktuell? Hm. Wenn wir uns die Margenprofile von Konzernen wie Nvidia ansehen und den Preis, den die Investoren bereit sind, zu bezahlen, können wir zumindest behaupten: Der Aktienmarkt geht davon aus, dass der Status quo für immer erhalten bleibt.
Ein zweites Problem, das zum Crash führte, war das Wachstum im Verhältnis zur Wertschöpfung. Der Aktienmarkt feierte jede Innovation, jedes Umsatzwachstum. Ob es für Investoren Gewinne gab, wurde weniger beachtet. Das ist in Teilen zum Glück heute nicht der Fall. Halbleiter-Hersteller sind weitgehend sehr profitabel. Anders sieht es bei Aktien wie SpaceX oder dem Quantencomputing aus. Hier wird das Wachstum ebenfalls höher bewertet als die reale Wertschöpfung. Ein grundlegendes Problem? Es könnte jedenfalls der Anfang eines solchen sein.
Daneben gab es weitere Bedingungen, die einen Crash langsam nährten. Beispielsweise günstiges Kapital, das die Bilanzen verschlechterte. Es galt schließlich, Wachstum um jeden Preis zu finanzieren. Aber auch eine Börsengang-Manie, wie beispielsweise bei der Deutschen Telekom. Suche dir die Parallelen selbst heraus. Einen Reim kann ich zumindest erkennen.
Das Gewinnwachstum müsste gigantisch sein!
Gerade mit einem Shiller-KGV von 42 antizipiert der Aktienmarkt, dass das Gewinnwachstum explosiv ausfallen könnte. Analysten erwarten für das Jahr 2030 für die USA einen Zuwachs von 30 % im Schnitt. Das ist nicht wenig. Aber auch nicht unmöglich. Es bräuchte in den kommenden zehn Jahren aber ein beständiges Wachstum von 9,3 % pro Jahr, damit wir mal wieder zu einer soliden Basis von 16 zurückkehren würden. Damit würde der Aktienmarkt quasi zehn Jahre stagnieren und wir hätten lediglich eine faire Bewertung.
Mir zeigt diese Annahme, dass der Aktienmarkt eigentlich mit etwas anderem rechnet: dass das Gewinnwachstum eher bei etwa 15 % pro Jahr liegt. Dann läge das KGV in zehn Jahren zum aktuellen Stand in den USA bei rund 10,5. Wir bekämen damit ein solides Renditepotenzial, wenn US-amerikanische Indizes zu ihrem Mittelwert von 17 bis 20 zurückkehrten. Würde bedeuten, dass wir dann (ausgehend von heute) in zehn Jahren eine Rendite von 70 bis 100 % einfahren könnten.
Aber reicht die Annahme? Um ehrlich zu sein: Ich halte sie für sehr ambitioniert. 15 % Gewinnwachstum pro Jahr in den nächsten zehn Jahren, um überhaupt eine solide und womöglich sogar leicht unterdurchschnittliche Rendite zu erhalten, ist kein Investment-Case. Es handelt sich eher um eine Spekulation unter eher wackeligen Annahmen. Das zeigt mir, wie sehr der Aktienmarkt von seinem Mittelwert entfernt ist.
Droht dem Aktienmarkt also ein Crash?!
Einen Crash muss es im Aktienmarkt trotzdem nicht geben. Trotz der hohen Bewertungen fehlt der Faktor, der plötzliche Unsicherheit hineinbringt. Wir haben in den letzten Wochen und Monaten gesehen, wie Kriege verdaut worden sind. Steigende Ölpreise waren ebenfalls kein größeres Problem. Genauso die USA, die auf eine Schuldenkrise zusteuern. Das könnten noch sogenannte Schwarze Schwäne sein. Bislang hatten sie diese Funktion allerdings nicht.
Wenn ich mir das Big Picture des Aktienmarktes aber ansehe, so glaube ich: Ein Quäntchen Vorsicht wäre ratsam. Die Erwartungen an das zukünftige Gewinnwachstum sind hoch. Womöglich überzogen. Ich jedenfalls positioniere mich tendenziell eher an der Seitenlinie oder in Aktien, die zuletzt nicht so stark zulegen konnten. Denn viele Aktien sind derzeit alles andere als günstig.
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Vincent besitzt keine der erwähnten Aktien. Aktienwelt360 empfiehlt keine der erwähnten Aktien.
